Arbeiten mit Kind

Wollen Mütter arbeiten?

In unserem vorangegangenen Blogbeitrag (vom  23. Juni 2017) haben wir zehn Prämissen angeführt, von denen in Diskussionen rund um die Frage der Vereinbarkeit von Familie und Berufstätigkeit von Müttern vielfach ausgegangen wird. Über den Sommer wollen wir schrittweise jeder dieser Prämissen nachgehen und diese ausgehend von verfügbarem Datenmaterial auf ihren empirischen Wahrheitsgehalt prüfen, um einen möglichen Beitrag zur Versachlichung der oft sehr emotional geführten Debatte zu leisten.

Prämisse 1. Die meisten Frauen wollen arbeiten.
Daraus folgt: Mütter wollen nach der Geburt
a. möglichst rasch in den Arbeitsprozess zurückkehren
b. ihre Karriere ohne Rückschritte weiterverfolgen.

Um die Grundannahme „Die meisten Frauen wollen arbeiten“ und die daraus oft gezogenen Schlussfolgerungen auf ihre Gültigkeit zu prüfen, erscheint es zielführend zu prüfen, ob es sich dabei a. um eine grundlegende gesellschaftliche Norm, b. die Norm einer bestimmten sozialen Gruppe von Frauen (hochgebildet, in prestigeträchtigen Berufen tätig, können persönliche Neigungen im Beruf umsetzen & sich in diesen persönlich weiterentwickeln), c. ein grundlegendes Bedürfnis von Frauen, d. ein Bedürfnis von Frauen, die bestimmten sozialen Gruppen angehören (z.B. hochgebildet, in prestige-trächtigen Berufen tätig, können ihre persönlichen Neigungen im Beruf umsetzen & sich persönlich weiterentwickeln), aber auch um e. den spezifischen Wunsch einer bestimmten Frau in einer konkreten Lebenssituation handelt.

Erwerbsarbeit ist Identitätsstiftend

Erwerbsarbeit wirkt für Frauen wie Männer in hohem Maße identitätsstiftend. Insbesondere die Tätigkeit in einem hochqualifizierten Beruf bringt soziale Anerkennung, macht (finanziell) unabhängiger und trägt zu höherem Selbstbewusstsein und Wohlbefinden bei. Berufstätige Frauen sind deutlich zufriedener als Hausfrauen und leiden weitaus seltener als diese unter psychischen Beeinträchtigungen wie Angststörungen oder Depression. [1] Es verwundert daher nicht, dass die meisten hochqualifizierten Frauen arbeiten wollen.

Mutter-sein als neuer Aspekt der persönlichen Identität

Der Beruf stellt jedoch in der Gesamtheit des Identität-Patchworks lediglich eine aus einer Vielzahl möglicher Quellen der Selbstdefinition dar.[2] Verändern sich die persönlichen Umstände bzw. die Umfeldbedingungen, so können in dieser Hinsicht Verschiebungen stattfinden. Die Geburt eines Kindes stellt für die Eltern typischerweise einen massiven Einschnitt und eine nachhaltige Veränderung in der persönlichen Wertestruktur dar. Es stellt sich daher die Fragen: Wollen sie dies auch und v.a. in unveränderter Weise, wenn sie Mütter geworden sind? Und: Inwieweit ändern sich gegebenenfalls die Bedürfnisse und daraus resultierend die Wünsche hinsichtlich Berufstätigkeit mit zunehmendem Alter und im Verlauf der Entwicklung der Kinder?

Berufstätige Mütter sind zwar zufriedener als Mütter, die nicht arbeiten, sie leiden aber auch in weit aus stärkerem Maße als diese unter Stress & Erschöpfung und erkranken deutlich häufiger.[1] Vor allem Mütter kleinerer Kinder (wenn oft auch die Nächte wenig Erholung bieten) haben daher nicht selten den Wunsch, ihre Arbeit vorübergehend zurückzustellen bzw. temporär ganz aufzugeben, um den Stress & daraus resultierende Konflikte zu reduzieren und ihr Wohlbefinden zu erhöhen.

Ein Problem, das dabei vielfach auftritt, besteht in dem Umstand, dass die Tätigkeit als Mutter und Hausfrau im Vergleich zur beruflichen Tätigkeit hochqualifizierter Frauen gesellschaftlich deutlich weniger anerkannt und honoriert wird und damit negativ auf die Identität wirkt. Es besteht daher die Neigung, sich von diesen sozial weniger prestigeträchtigen Tätigkeiten zu distanzieren, weil diese nicht den wahren Wert der eigenen Person widerspiegeln. [3]

Vielfach ist es für Frauen in dieser Situation selbst schwierig zu unterscheiden, ob die Motivation, rasch in den Beruf zurückzukehren mehr einem inneren Bedürfnis oder positiven Zuschreibungen und Anreizen des sozialen Umfelds folgt. Unvorbereitet konfrontiert mit dieser Dualität zwischen personaler und kollektiver Identität bzw. persönlichen und sozial vermittelten Identitätsaspekten („self identities“ vs. „social identities“), wie sie in der soziologischen Literatur beschrieben werden, erscheint eine Entscheidung schwierig.[4; 5]

Anpassung personaler & kollektiver Vorstellungen: Aufwertung von Mutter-sein?

Die Anpassung von personaler (biografischer) und kollektiver Identität (die im Wesentlichen allgemeinen Verhaltenserwartungen entspricht) in der neuen Lebensphase und die damit vielfach verbundene Veränderung der Präferenzstruktur und des gesamten bisherigen Wertesystems erfolgt häufig über einen längeren Zeitraum.

Dieser Prozess erfolgt teils in kleinen Schritten teils in großen Schüben und wird von Stahr (1989) als ausgehend von „Krisen“ wellenförmig über die weibliche Biografie verlaufend beschrieben.[5] Die gemischten Gefühle, mit denen sich Frauen nach der Geburt v.a. ihres ersten Kindes konfrontiert sehen, können viele in der kon kreten Situation zunächst schwer deuten. Auf die Fragen von bisherigem Rollenverständnis, Identität und Quellen von Anerkennung und Wertschätzung müssen nach und nach zufriedenstellende Antworten gefunden werden.

Viele Mütter, die bislang in hochqualifizierten Berufen tätig waren und ihre Berufstätigkeit ursprünglich nicht oder nur kurz unterbrechen wollten, folgen in dieser Phase ihrem Bauchgefühl und revidieren getroffene Entscheidungen zugunsten einer längeren Zeit mit dem Kind zu Hause, reduzieren nachträglich die Arbeitszeit oder orientieren sich längerfristig beruflich neu, um mehr Zeit für Kind(er), Familie und sich selbst zu haben.

 

Was sagen Sie dazu? Wir freuen uns darauf, Ihre Meinung zu lesen!

 

Die Verfasserin, ao. Univ-Prof. Dr. Katharina Auer-Srnka, beschäftigt sich wissenschaftlich mit dem Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

[1] Hochschild, A. (2012): The Second Shift. Working Families and the Revolution at Home, Penguin Books, London.

[2] Keupp, H. /Ahbe, Th. /Gmür, W. /Höfer, R. /Mitzscherlich, B. / Kraus, W. / Straus, W. (1999): Identitätskonstruktionen: Das Patchwork der Identitäten in der Spätmoderne, Rowohlt, Berlin.

[3] Hughes, E. (1951): Work and Self, in: The Sociological Eye, Transaction, New Brunswick.

[4] Watson, T. (2008): Managing Identity, Identity Work, Personal Predicaments and Structural Circumstances, in: Organization 15 (1), S. 121-143, online abrufbar unter: http://s3.amazonaws.com/academia.edu.documents/32574294/MANAGING_IDENTITY_WORK.pdf?AWSAccessKeyId=AKIAIWOWYYGZ2Y53UL3A&Expires=1498812330&Signature=lTBWfSP5cXr6y2EfJtnq0lnMLcU%3D&response-content-disposition=inline%3B%20filename%3D21_Organization_Circumstances_Managing_I.pdf

[5] Stahr, I. Zur personalen und kollektiven Identität von Frauen, in: Wieland-Faulstich, H. (Hg) (1989): Weibliche Identität. Materialien zur Frauenforschung, Band 10, Kleine Verlag, Bielefel. S- 13 24.