Karrierefrau im Burnout

Vorzeigefrau im Burnout?

Dorothee Ritz ist eine Vorzeigefrau. In der ersten Ausgabe 2017 des Branchenmagazin update beschreibt die General Managerin von Microsoft Österreich ihren Alltag. Dieser spielt sich dem Artikel zufolge beruflich zwischen dem Familienfrühstück um 6:30 Uhr und ihrem Feierabend gegen 22:00 ab, wenn Frau Ritz das Büro verlässt und anschließend „den restlichen Abend zu Hause ausklingen“ lässt. Berücksichtigt man die dokumentierenden Bilder, so verbringt die Managerin einen Großteil des Tages vor einem Bildschirm – sei es das Handy beim Frühstück mit den Kindern oder das Notebook in Home-office, Meeting sowie beim Mittagessen in der Kantine und zwischendurch, wenn sie ihrer Tochter mittels OneNote bei den Mathematik-Hausaufgaben hilft.[1]

Was die General Managerin leistet ist enorm! Und: Es steht stellvertretend für immens viele gut ausgebildete, motivierte Frauen, die versuchen Karriere und Kinder in Einklang zu bringen. Betrachtet man den beschriebenen Tagesablauf, so drängt sich freilich die Frage auf, ob das in dieser Form tatsächlich ein attraktives Vorzeigemodell für Frauen ist.

Persönliche Bedürfnisse & Gemeinsames bleiben auf der Strecke

Wenn der Alltag einer beruflich aktiven, hoch-qualifizierten Frau in der dargestellten Form abläuft, heißt das, dass persönliche Bedürfnisse, Bedürfnisse der Kinder und des Partners sowie sämtliche administrativen und haushaltsbezogenen Agenden an Wochenenden und Feiertagen bzw. in der Nacht stattfinden müssen, denn der Tagesplan von Montag bis Freitag lässt das offenbar kaum zu. Das klingt stressig; und Zeit für ausreichend Schlaf und Erholung bleibt da – selbst wenn ein großer Teil der Haushaltsarbeit ausgelagert wird – wohl auch kaum.

Dennoch ist ein solcher Tagesablauf fraglos die Realität vieler Frauen, die in ihre Ausbildung investiert haben und sich mit ihrer beruflichen Tätigkeit identifizieren und diese daher in ihren Alltag integrieren wollen. Ist ein regelmäßig mehr als 12-Stunden-Arbeitstag deshalb erstrebenswert bzw. die einzige Lösung? Innerhalb der traditionellen Beruf-Familie-Logik mag es tatsächlich kaum Alternativen dazu geben; als Idealbild kann solch ein Tagesrhythmus aber wohl kaum gesehen werden. Vielmehr stellt er für nicht wenige Frauen den direkten Weg ins Burnout dar.

Burnout stellt eine ernstzunehmende Krankheit dar, die in anhaltender Überlastung durch Beruf und private Gegebenheiten ihren Ursprung hat. Faktoren für Burnout-Prävention wie ausreichend Schlaf, Entspannung und Bewegung, gesunde Ernährung, bewältigbares Arbeitspensum, vom Beruf abschalten können, sinnvolle Freizeitgestaltung sowie intaktes Familien- und Sozialleben kommen bei einem Alltag, wie er oben beschrieben wird, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit langfristig zu kurz. Das erscheint paradox, denn: Zwar geben gut drei Viertel der ÖsterreicherInnen an, dass Arbeit einen wichtigen Aspekt ihres Lebens darstellt, ganze 94% bzw. 98% jedoch erachten Familie, Freunde und Gesundheit als zentral.[2]

Neue Karrierewege

Wenn Arbeit und Privatleben zeitlich in Konflikt geraten, scheinen viele Frauen geneigt zu sein, am ehesten an der Zeit für sich selbst „einzusparen“ und im nächsten Schritt an Paar- und gemeinsamer Familienzeit. Langfristig erweist sich dies jedoch als fatal. Das Risiko für Burnout hängt in hohem Maße auch von persönlichen Dispositionen ab, ist aber durch die häufige Mehrfachbelastung und verschiedene Rollenbilder und damit verbundene divergierende Anforderungen typischerweise für Frauen deutlich erhöht.[3]

Fängt die Burnout-Spirale an sich zu drehen, stehen am Ende oft Depression und Zusammenbruch. Um dem entgegenzuwirken gilt es, die Logik der Vereinbarung von Familie und Beruf im gesamtfamiliären Kontext zu überdenken und neue Lösungen jenseits der traditionellen Berufs- und Karrieremodelle zu entwickeln. Das erfordert allerdings eine Neustrukturierung für beide Elternteile: Mütter und Väter in hoch-qualifizierten, anspruchsvollen Berufen.

Ein erster Ansatzpunkt ist wohl das Überdenken des eigenen Karriereverständnisses und eine bewusste Reihung dessen, was im eigenen Leben wichtig ist. Als Vorzeigemodell hierbei könnte, wenn man nach einem solchen sucht, Anne-Marie Slaughter fungieren: Sie legte ihre einflussreiche Position als außenpolitische Beraterin Hillary Clintons zurück, weil ihr die Tätigkeit als Universitätsprofessorin mehr Möglichkeiten bot, die beruflichen Anforderungen in angemessener Weise mit den anderen Lebensbereichen zu vereinbaren.[4]

Was sagen Sie dazu? Wir freuen uns darauf, Ihre Meinung zu lesen!

 

Die Verfasserin, ao. Univ-Prof. Dr. Katharina Auer-Srnka, beschäftigt sich wissenschaftlich mit dem Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

 

Zum Nach- und Weiterlesen

[1] o.V.: Digitale Helden erreichen mehr. Ein Tag im Leben von Dorothee Ritz. General Manager von Microsoft Österreich, in: update 1_17, S. 8-9.

[2] European Commission /2007): European Social Reality. Special Eurobarometer 273, S. 15, online abrufbar unter: http://ec.europa.eu/commfrontoffice/publicopinion/archives/ebs/ebs_273_en.pdf

[3] Lalouschek, W./Kainz, B. (2008): Geschlechtsspezifische Aspekte von Burnout, Blickpunkt der mann, Wissenschaftliches Journal für Männergesundheit, 6 (3), S. 6-12, online abrufbar unter: http://www.kup.at/kup/pdf/7319.pdf

[4] Anne-Marie Slaughter (2012): Why Women Still Can’t Have It All, The Atlantic, July/August, online abrufbar unter: https://www.theatlantic.com/magazine/archive/2012/07/why-women-still-cant-have-it-all/309020/

 

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