Arbeit und Privatleben

Vom Work-Life-Blending zur Balance

Work-Life-Blending als Schlagwort aus dem Berufskontext bezeichnet die – oft als Ideal beschworene – fließende Grenze zwischen Berufsarbeit und privater Zeit bis hin zur vollständigen Verschmelzung dieser beiden Lebensbereiche. Das vermeintliche Ideal eines gleitenden Übergangs kann sich allerdings zum Alptraum entwickeln, wenn – wie Christian Scholz, Universitätsprofessor und Experte für Organisation, Personal- & Informationsmanagement, es in einem Presse-Bericht formuliert – „der Beruf das ganze Leben vereinnahmt.“[1]

Hinter dem Begriff versteckt sich jedoch, wenn man es auf den Punkt bringt, oft nichts weniger als ein 24-Stunden-Arbeitstag an sieben Tagen pro Woche. Arbeitnehmerinnen wie auch Selbständige, die sich regelmäßig in der Freizeit gedanklich mit beruflichen Themen beschäftigen und laufend (etwa über das Smart-Phone) e-Mails abrufen, befinden sich im Non-stop-Bereitschaftsdienst. Unter österreichischen Führungskräften sind dies einer Untersuchung des Hernstein Instituts für Management und Leadership zufolge immerhin mehr als 50%.[2]

Engagierte MitarbeiterInnen erledigen oft ganz selbstverständlich Berufliches nach Feierabend und verbringen einen wesentlichen Teil ihrer Freizeit mit KollegInnen. Viele von ihnen leben im Grunde nicht nur am Arbeitsplatz (der ja quasi überall ist), sondern zunehmend auch für die Arbeit. Aufgrund der dauernden digitalen Kontrolle, wann eine ArbeitnehmerIn erreichbar ist, führt Work-Life-Blending zu einer „work-first“-Haltung, die von Unternehmensseite im Regelfall belohnt und verstärkt wird.

Das hat im Regelfall irgendwann psychische wie auch körperliche Konsequenzen. Als am stärksten belastet beurteilen sich junge Führungskräfte auf den mittleren und unteren Führungsebenen. Je weiter oben in der Managementhierarchie und je älter eine Führungskraft ist, desto eher gelingt der Ausgleich zwischen beruflicher Arbeit und Privatem. Das Geschlecht scheint in dieser Hinsicht ohne Einfluss.[2]

Das Verführerische an Work-Life-Blending ist: Die damit verbundenen Begriffe wie Virtualisierung, Digitalisierung und Flexibilisierung bieten ein Framing, das suggeriert, dass wer sich diesen Entwick-lungen entziehe oder entgegenstelle, unweigerlich den Anschluss verliere. Somit aber dienen die enormen technischen Entwicklungen nicht der Verbesserung der Lebensbedingungen. Vielmehr kommen sie einer verkürzten Arbeitgeber-Logik entgegen, die auf eine völlige Abschaffung der Grenzen zwischen den Lebensbereichen der MitarbeiterInnen zielt.

Wer berufliche Anforderungen ganz selbstverständlich auf die private Zeit der MitarbeiterInnen verlegt, verleugnet den regelmäßigen Bedarf an Abstand und Erholung von der Arbeit ebenso wie die Bedeutung anderer, wesentlicher Lebensbereiche. Work-Life-Balance strebt nach einem Ausgleich der verschiedenen Lebensbereiche. Im Mittelpunkt der Betrachtungen zur Work-Life-Balance stehen zumeist Privatleben (oft unter dem Begriff „Freizeit“ subsummiert) und Berufstätigkeit.“

Für eine langfristig erfolgreiche Lebensgestaltung und entsprechende Rahmenbedingungen dafür gilt es, die Betrachtungen zur bestmöglichen Lebensgestaltung in folgende Bereiche weiter zu differenzieren:

  • Partnerschaft & Familie
  • soziale Kontakte (i.e., Freunde, Bekannte & außerberufliche Beschäftigungen wie bspw. Freiwilligendienste)
  • Anteil am Gesellschaftsleben (z.B. Mitgestaltung in Vereinen, Kultur, Kirche und Politik
  • Leistung & materielle Sicherheit (typischerweise die Berufstätigkeit)
  • körperliche & mentale Gesundheit (Möglichkeiten für Erholung, Muße, Sport wie nicht zuletzt auch die Möglichkeit einer regelmäßigen, ausgewogenen & gesunden Ernährung).

Ziel von Work-Life-Balance ist – im Hinblick auf die zeitliche Strukturierung des einzelnen Tages, der Woche wie auch längerer Zeithorizonte – ein ausgewogenes Verhältnis zwischen allen diesen relevanten Lebensbereichen entsprechend den jeweiligen Bedürfnissen des Menschen zu schaffen.[3] Eine systematische Betrachtung der verschiedenen Bereiche bietet jungen (bzw. angehenden) Eltern die Möglichkeit, sich bereits in frühen Phasen der Familienplanung bzw. -gründung Gedanken über die Wünsche und Möglichkeiten einer Ausdifferenzierung zu machen. Ausgehend davon sollten auch die zur Realisierung notwendigen Schritte im Hinblick auf die Sicherung entsprechender Rahmenbedingungen in beruflichen wie privaten Bereich gesetzt werden!

 

Zum Nach- & Weiterlesen

[1] Köttritsch, Michael (2017): Jetzt kommt die Nonstop-Arbeitswelt, in: Die Presse, Management & Karriere, Samstag/Sonntag, 28./29. Oktober, S. K1.

[2] Hernstein Institut für Management und Leadership (2017): Burn-out: Sind ausgeglichene Work-Life-Balance und Resilienz die Antwort?, online abrufbar unter: Hernstein Management Report – 4. Bericht 2017

[3] Folgendes Buch beleuchtet den Blending-Zugang kritisch und zeigt alternative Entwicklungsrichtungen im Umgang mit den Bedürfnissen in Arbeits- und Privatleben auf, die mehr Lebensqualität versprechen: Scholz, Christian (2017): Mogelpackung Work-Life-Blending, Whiley.

 

Die Verfasserin, ao. Univ-Prof. Dr. Katharina J. Auer-Srnka, beschäftigt sich wissenschaftlich mit dem Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie.