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Vereinbarkeit

Weil Frauen keine Mädchen sind!

Karriere und Kind

Vereinbarkeit – was muss ich beachten?

Die Phase der Familiengründung zwischen 30 und 35 Jahren fällt genau in den Zeitraum, in dem typischerweise erste große Karriereziele erreicht werden. Somit stehen beruflich erfolgreiche Frauen im Regelfall an einem bestimmten Punkt vor einem Dilemma: Will ich ein Kind?  Entscheidet sich eine Frau dafür, kommt zu einem fordernden Vollzeit-Beruf (nicht selten 50, 60 oder 70 Arbeitsstunden pro Woche) mit Abendterminen, Wochenendverpflichtungen und hohen Mobilitätserfordernissen eine ganz neue Aufgabe dazu. Aber: Erst wenn das Baby da ist, wird einer Frau, die bisher alles perfekt gemanagt hat, meist in vollem Ausmaß bewusst: Ein Kind zu haben ist zunächst einmal ein Rund-um-die-Uhr Job an 7 Tagen in der Woche! Und: Kinder und Mobilität schließen einander, so paradox das klingen mag, mit zunehmendem Alter der Kinder aus! Stabilität, auch räumlich, wird ein zunehmend wichtiger Faktor für die gesamte Familie.

Inwieweit Familie und Beruf für eine Frau im konkreten Fall vereinbar sind, hängt – wenig überraschend – von einer Vielzahl von Faktoren ab. In der Diskussion um die Frage, ob Beruf und Kinder grundsätzlich mit einander in Einklang zu bringen sind, stehen zumeist vor allem finanzielle Nachteile bzw. negative Folgen einer beruflichen Auszeit für die Karriere sowie die (in der Regel als unzureichend eingestuften) Möglichkeiten der Kinderbetreuung im Mittelpunkt. Tatsächlich findet hier eine enorme Verkürzung der Betrachtung auf einen kleinen Ausschnitt aus einer um Vieles größeren Zahl von Einflussgrößen statt. Nachfolgend wird der Versuch unternommen, die verschiedenen Aspekte systematisch zu beleuchten, um Ansatzpunkte für die Beurteilung und gegebenenfalls Verbesserung der Vereinbarkeit im konkreten Einzelfall zu bieten.

Abklärung des Begriffs „Beruf“, den es zu vereinbaren gilt

Zunächst gilt es zu bestimmen, ob es a) um die Vereinbarkeit (irgend-)einer beruflichen Tätigkeit mit dem Familienleben geht; oder um das (Weiter-)Verfolgen einer bestimmten beruflichen Karriere, wenn Kinder im gemeinsamen Haushalt leben, die der Pflege, Betreuung und Obsorge bedürfen. Ferner ist in diesem Zusammenhang zu klären, ob es sich b) um eine hochqualifizierte Position mit (Führungs-)Verantwortung oder eine rein ausführende Tätigkeit handelt. Schließlich muss bestimmt werden, ob unter den gegebenen Bedingungen c) eine Vollzeit-, Teilzeit- oder projektbezogene Beschäftigung angestrebt wird.

In jenen Berufen, die hochqualifizierte Frauen ausüben bzw. anstreben, handelt es sich im Regelfall um (Führungs-)Positionen in Wirtschaft, Wissenschaft oder Politik, die eine Vollzeitbeschäftigung mit regelmäßigen Überstunden voraussetzen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die bisherige Karriere weiterverfolgt bzw. nicht ab- oder untergebrochen werden soll. Für die meisten Frauen in hochqualifizierten Berufen ist von vorneherein klar, dass sie möglichst bald (zumeist spätestens nach einer Karenzzeit von 12-30 Monaten) wieder in ihren Beruf einsteigen wollen. Aufgrund ihrer Erfahrungen in der Karenz entscheiden sich viele Frauen dann aber – entgegen ihrer ursprünglichen Planung – für eine längere Karenzdauer & ein geringeres Arbeitsausmaß  nach ihrer Rückkehr (zumeist Teilzeit zwischen 15 und 30 Stunden, je nach Kindesalter).

Bestimmungsgrößen: Die drei Betrachtungsebenen

Wie gut nach der Rückkehr aus der Elternkarenz Kinder bzw. Familie insgesamt und der Beruf vereinbar sind, hängt letztlich von Faktoren ab, die auf drei unterschiedlichen Ebenen einzuordnen sind. Viele davon sind von der Frau, wenn überhaupt, nur indirekt beeinflussbar.

Der Fokus der Betrachtungen zum Thema Vereinbarkeit liegt oft auf  der (1) Ebene der Gesellschaft. Diese umfasst a. Kulturelle Faktoren: Familie als Wert, Rolle der Mutter, akzeptable Formen der Fremdbetreuung von Kindern, b. politische Faktoren: Karenzmodelle & damit verbundene finanzielle Unterstützung sowie Kranken- & Pensionsversicherung-bezogene Lösungen für junge Mütter & Familien, Rahmenbedingungen für Teilzeitbeschäftigung, geringfügige Beschäftigung & selbständige Tätigkeit, sowie c. wirtschaftliche Faktoren: insbes. die Lage am Arbeitsmarkt.

Die nächste Ebene, auf der häufig Lösungen gefordert werden, ist die (2) Unternehmensebene: die Verankerung familienfreundlicher Arbeitszeiten & -strukturen in Unternehmenswerten und Unternehmenskultur, flexible Arbeitszeitmodelle & Home office-Lösungen, Karenzbegleitung & Wiedereinstiegsmanagement sowie Job-Sharing sind Ansätze, die von einer steigenden Zahl von Unternehmen angeboten werden.

Die Ebene jedoch, der die meisten Bestimmungs- und damit auch Gestaltungsgrößen zuzuordnen sind, wird in der Vereinbarkeitsdiskussion – wohl aufgrund der Tatsache, dass die Vielzahl der Ausprägungsformen der einzelnen Aspekte letztlich keine verallgemeinerbaren Lösungsansätze zulässt –  in weiten Teilen ausgeklammert: die (c) individuelle Ebene. Unseres Erachtens aber finden sich genau hier wesentliche Schlüsselfaktoren für die Ausgestaltung guter Vereinbarkeit. Daher sind die weitergehenden Betrachtungen auf eben diese Ebene gerichtet.

Individuelle Bestimmungsgrößen der Vereinbarkeit von Familie & Beruf

Die Bestimmungsgrößen der Vereinbarkeit von Familie & Beruf auf der individuellen Ebene, von denen viele wirkungsvolle Ansatzpunkte bzw. Gestaltungsfaktoren für (bessere) Vereinbarkeit darstellen, beziehen sich auf a. die Frau selbst, b. ihren Partner, c. ihre Kinder, d. das familiäre & soziale Umfeld & verfügbares Personal für Haushalt & Kinderbetreuung sowie e. das Setting, in dem die Familie lebt.

Frau

Die Ausbildung, Position & Art der beruflichen Tätigkeit (v.a. deren Skalierbarkeit sowie die Möglichkeit, in abgeschlossenen Zeiteinheiten zu arbeiten und auch wieder auf Familie „um-“ bzw. ganz „abschalten“ zu können), haben einen grundlegenden Einfluss darauf, inwieweit sich der Beruf einer Frau langfristig mit Familie vereinbaren lässt.

Ferner bedarf es für gute Vereinbarkeit ausreichender Flexibilität, sich kurzfristig & bei Bedarf auch über mehrere Tage oder länger frei zunehmen und (ausschließlich) Familie bzw. Kindern widmen zu können (im Krankheitsfall, bei Unfällen, in Ferien- und sonstigen betreuungsfreien Zeiten), und das über viele Jahre hinweg – eine Anforderung, die eine höhere Position in vielen Berufen bzw. die Tätigkeit als Selbständige rein objektiv nicht zu erfüllen scheinen. Daher erscheint für viele die – zumindest partielle – Auslagerung dieser Aufgaben die einzige Lösung.

Schließlich sind die persönlichen Werte (v.a. der Stellenwert von Familie & Kindern einerseits und Berufstätigkeit & Erfolg andererseits) sowie die Persönlichkeit der Frau (Bedeutung von Beruf bs. Mutter-sein für die Identität, Belastbarkeit & psychische Stabilität, Abwechslungsbedürfnis etc.)  für das subjektive Empfinden der Vereinbarkeit von Familie & Beruf von zentraler Bedeutung.

Partner

In welchem Maße der Partner selbst in seinem Beruf zeitlich gefordert, mobil bzw. belastet ist, bestimmt – in Verbindung mit seiner Persönlichkeit und seinen Werten (insbes. seiner Geschlechterideologie), inwieweit er die Frau im Hinblick auf Haushalt, Kinder und ihren Beruf unterstützt. Die Aufteilung von Arbeit & Verantwortung in Haushalt sowie Kinderpflege, -betreuung & -erziehung bzw. sonstiger Sorgearbeit zwischen Frau und Mann bestimmt auf lange Sicht maßgeblich die objektive Vereinbarkeit. Die emotionale Unterstützung in Form von Akzeptanz, Anerkennung & aktiver Unterstützung der Berufstätigkeit der Frau bzw. ihres konkreten Jobs durch den Partner trägt maßgeblich zur subjektiven Vereinbarkeit bei.

Kinder

Anzahl und Alter der Kinder sowie deren jeweiliger Entwicklungsstand bestimmen wohl am unmittelbarsten, ob und in welchem Maße eine berufliche Tätigkeit oder gar Karriere zum gegebenen Zeitpunkt für eine Frau realisierbar ist. Die Anforderungen und Bedingungen verändern sind vollkommen unterschiedlich und verändern sich auch, je nachdem ob unter den Kindern Zwillinge sind, die Kinder Säuglinge, im Krabbel- bzw. Kindergarten sind oder bereits schulpflichtig sind.

Die gesundheitliche Konstitution und psychische Entwicklung des Kindes bestimmen den mit der Kinderpflege und -sorge einhergehenden Aufwand und die Belastung. Je nach persönlichen Neigungen bzw. Prägungen sind körperliches Nähe-Bedürfnis, Aktivität, Ruhe-Bedürfnis & Schlaf-/Wach-Rhythmus, Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, Stimulation & aktiver Zuwendung sowie verträgliches Maß, mögliche Art(en) & Vielfalt der Fremdbetreuung unterschiedlich.

Die verschiedenen Bedüfnisse sind stark von der Persönlichkeit der Kinder geprägt und verändern sich immer wieder im Laufe ihrer Entwicklung & Reifung. Die Veränderungen verlaufen dabei keineswegs linear. Vielmehr sind im Zeitablauf immer wieder markante Veränderungsschritte erkennbar, wobei große Veränderungen wie etwa der Schuleintritt bzw. Beginn der Pubertät oft mit einem deutlich erhöhten Bedarf an Zeit und Zuwendung durch die Eltern gekennzeichnet ist.

Will eine Mutter ihre Präsenz und Verfügbarkeit innerhalb der Familie den sich ändernden Bedürfnissen der Kinder entsprechend anpassen, so gerät dieser Anspruch über die Zeit mit einem streng linear angelegten Karrierekonzept zumeist in Konflikt.

Familiäres & sonstiges soziales Umfeld plus Personal

Großeltern, Geschwister, Freunde, Nachbarn oder Bekannte, die dauerhaft und zuverlässig einen weiten Teil der Kinderbetreuung bzw. Pflege- & Sorgearbeit übernehmen können und wollen, tragen wesentlich dazu bei, Kinder und Berufstätigkeit für eine Frau vereinbar zu machen. Wesentlich ist, dass diese Unterstützung auch kurzfristig & spontan möglich ist (etwa, um ein erkranktes Kind vom Kindergarten abzuholen oder unerwarteten Änderungen zu begegnen.

In Anbetracht der Tatsache, dass die typische Kernfamilie in modernen Gesellschaften immer seltener auf ein ausreichend großes, zur Unterstützung bereites Familien- bzw. Sozialumfeld zurückgreifen kann, bietet sich – soweit die finanziellen Rahmenbedingungen gegeben sind und je nach konkretem Unterstützungsbedarf – als Alternative diverse bezahlte Kräfte an: Haushaltshilfe, Putzpersonal, Au pair, Kindermädchen, Babysitter oder Tagesmutter.

Zu berücksichtigen gilt in diesem Zusammenhang: Für gute Vereinbarkeit wird Kinderbetreuung in einem nicht unwesentlich über die eigentliche Arbeitszeit hinausgehenden Maße benötigt. Es gilt, Fahrzeiten zu und von der Arbeit sowie mögliche Zwischenfälle ebenso einzuplanen wie den Bedarf an Zeit für Erledigungen, die während der Arbeit bzw. mit Kindern nicht möglich sind, sowie schließlich auch Zeit für Erholung. Schließlich sollte auch nicht verabsäumt werden, regelmäßig Paar-Zeit einzuplanen und kinderbetreuungsmäßig zu organisieren!

Setting

Ein wesentlicher Aspekt, der in den Überlegungen hinsichtlich Vereinbarkeit von Familienleben und Berufstätigkeit vielfach ausgeblendet wird, jedoch unmittelbar und sehr nachhaltig auf diese Einfluss hat, ist das räumliche und organisatorische Setting der Familie.

Die Distanzen zwischen Wohn- und Arbeitsort sowie Kindergarten bzw. Schule, ob eine oder mehrere Ausbildungsstätten von Kindern morgens angefahren werden muss, ob Kinder selbständig nach der Schule nach Hause kommen können oder abzuholen sind, inwieweit strikte Vorgaben bzw. Einschränkungen durch fixe Bring-, Abhol- oder Beginn-Zeiten vorhanden sind (die zum einen ein hohes Maß an Stress erzeugen und z.T. auch miteinander kollidieren können) bestimmt die Vereinbarkeit wesentlich mit.

Weiters stellt sich die Frage nach Fixpunkten (z.B. gemeinsame Mahlzeiten, Ess- & Schlafzeiten kleinerer Kinder etc.) sowie vorgegebener Abläufe und Strukturen im Alltag (etwa durch die Arbeitszeiten der Frau bzw. des Partners). Nur eine gute Abstimmung und laufendes „Fine-tuning“ dieser Faktoren ermöglicht es beiden Partnern langfristig zufriedenstellend Familie und Beruf mit einander zu verbinden. Die gute Nachricht: Das Setting können Familien mittelfristig wohl am stärksten beeinflussen! Darin liegt somit sehr oft der Schlüssel zu (noch) besserer Vereinbarkeit!

Conclusio

Unterstützende Maßnahmen auf gesellschaftlicher Ebene einerseits (v.a. finanziell attraktive Karenzmodelle bis zum regelmäßigen Besuch einer Betreuungseinrichtung bzw. dem vollendeten dritten Lebensjahr des jüngsten Kindes, eine ausreichende Zahl an qualitativ hochwertigen Kinderbetreuungsplätzen für Kinder ab 12 bzw. 18 Monaten sowie pädagogisch wertvolle Nachmittagsbetreuung für schulpflichtige Kindern)  sowie seitens der Unternehmen andererseits (z.B. flexible Teilzeit-Arbeit, Job-Sharing, Wiedereinstieg für Frauen 50+) sind wichtige und notwendige Voraussetzungen, damit Vereinbarkeit möglich ist. Sich in Bezug auf die Vereinbarkeitsthematik ausschließlich auf diese Aspekte zu fokussieren, kratzt aber letztlich nur an der Oberfläche.

Lösungen & Unterstützungsangebote müssen immer auch die konkreten Bedingungen auf individueller Ebene miteinbeziehen. Eine erfreuliche Vielzahl von Angeboten, die an solchen individuellen Faktoren ansetzen, besteht bereits auf Gemeinde- bzw. Landesebene (IntegrationskindergärtnerInnen etwa, um nur eines von vielen Beispielen anzuführen, ermöglichen es Müttern von Kindern mit besonderen Bedürfnissen beruflich aktiv zu sein).

Insgesamt aber führen die obenstehenden Ausführungen klar vor Augen: DIE VEREINBARKEIT gibt es nicht. Es gibt unter einer Vielzahl ganz spezifischer Bedingungen verschiedene Möglichkeiten, den bisherigen Beruf weiterzuführen bzw. anderweitig beruflich tätig zu werden. Mit (v.a. kleinen) Kindern die bisherige Karriere ohne Unterbrechung geradlinig weiterzuführen, bedarf ganz spezieller Voraussetzungen. Diese sind allerdings – besonders, wenn die Gesamtlösung zur Zufriedenheit aller Beteiligten sein soll – unserer Erfahrung nach sehr, sehr selten gegeben ….

 

Was sagen Sie dazu? Wir freuen uns darauf, Ihre Meinung zu lesen!

 

Die Verfasserin, ao. Univ-Prof. Dr. Katharina Auer-Srnka, beschäftigt sich wissenschaftlich mit dem Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

 

Literaturempfehlung

Hochschild, Arlie & Machung, Anne (1989): Der 48-Stunden-Tag. Wege aus dem Dilemma berufstätiger Eltern, Verlag Paul Zsolnay, Wien.

Vom Erscheinungsdatum nicht abschrecken lassen! Das Werk ist aktuell wie eh & je!! Oder: Sie halten sich an das aktualisierte Original:

Hochschild, Arlie & Machung, Anne (2012): The Second Shift. Working Families and the Revolution at Home, Penguin Books, London.

Karrierefrau im Burnout

Vorzeigefrau im Burnout?

Dorothee Ritz ist eine Vorzeigefrau. In der ersten Ausgabe 2017 des Branchenmagazin update beschreibt die General Managerin von Microsoft Österreich ihren Alltag. Dieser spielt sich dem Artikel zufolge beruflich zwischen dem Familienfrühstück um 6:30 Uhr und ihrem Feierabend gegen 22:00 ab, wenn Frau Ritz das Büro verlässt und anschließend „den restlichen Abend zu Hause ausklingen“ lässt. Berücksichtigt man die dokumentierenden Bilder, so verbringt die Managerin einen Großteil des Tages vor einem Bildschirm – sei es das Handy beim Frühstück mit den Kindern oder das Notebook in Home-office, Meeting sowie beim Mittagessen in der Kantine und zwischendurch, wenn sie ihrer Tochter mittels OneNote bei den Mathematik-Hausaufgaben hilft.[1]

Was die General Managerin leistet ist enorm! Und: Es steht stellvertretend für immens viele gut ausgebildete, motivierte Frauen, die versuchen Karriere und Kinder in Einklang zu bringen. Betrachtet man den beschriebenen Tagesablauf, so drängt sich freilich die Frage auf, ob das in dieser Form tatsächlich ein attraktives Vorzeigemodell für Frauen ist.

Persönliche Bedürfnisse & Gemeinsames bleiben auf der Strecke

Wenn der Alltag einer beruflich aktiven, hoch-qualifizierten Frau in der dargestellten Form abläuft, heißt das, dass persönliche Bedürfnisse, Bedürfnisse der Kinder und des Partners sowie sämtliche administrativen und haushaltsbezogenen Agenden an Wochenenden und Feiertagen bzw. in der Nacht stattfinden müssen, denn der Tagesplan von Montag bis Freitag lässt das offenbar kaum zu. Das klingt stressig; und Zeit für ausreichend Schlaf und Erholung bleibt da – selbst wenn ein großer Teil der Haushaltsarbeit ausgelagert wird – wohl auch kaum.

Dennoch ist ein solcher Tagesablauf fraglos die Realität vieler Frauen, die in ihre Ausbildung investiert haben und sich mit ihrer beruflichen Tätigkeit identifizieren und diese daher in ihren Alltag integrieren wollen. Ist ein regelmäßig mehr als 12-Stunden-Arbeitstag deshalb erstrebenswert bzw. die einzige Lösung? Innerhalb der traditionellen Beruf-Familie-Logik mag es tatsächlich kaum Alternativen dazu geben; als Idealbild kann solch ein Tagesrhythmus aber wohl kaum gesehen werden. Vielmehr stellt er für nicht wenige Frauen den direkten Weg ins Burnout dar.

Burnout stellt eine ernstzunehmende Krankheit dar, die in anhaltender Überlastung durch Beruf und private Gegebenheiten ihren Ursprung hat. Faktoren für Burnout-Prävention wie ausreichend Schlaf, Entspannung und Bewegung, gesunde Ernährung, bewältigbares Arbeitspensum, vom Beruf abschalten können, sinnvolle Freizeitgestaltung sowie intaktes Familien- und Sozialleben kommen bei einem Alltag, wie er oben beschrieben wird, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit langfristig zu kurz. Das erscheint paradox, denn: Zwar geben gut drei Viertel der ÖsterreicherInnen an, dass Arbeit einen wichtigen Aspekt ihres Lebens darstellt, ganze 94% bzw. 98% jedoch erachten Familie, Freunde und Gesundheit als zentral.[2]

Neue Karrierewege

Wenn Arbeit und Privatleben zeitlich in Konflikt geraten, scheinen viele Frauen geneigt zu sein, am ehesten an der Zeit für sich selbst „einzusparen“ und im nächsten Schritt an Paar- und gemeinsamer Familienzeit. Langfristig erweist sich dies jedoch als fatal. Das Risiko für Burnout hängt in hohem Maße auch von persönlichen Dispositionen ab, ist aber durch die häufige Mehrfachbelastung und verschiedene Rollenbilder und damit verbundene divergierende Anforderungen typischerweise für Frauen deutlich erhöht.[3]

Fängt die Burnout-Spirale an sich zu drehen, stehen am Ende oft Depression und Zusammenbruch. Um dem entgegenzuwirken gilt es, die Logik der Vereinbarung von Familie und Beruf im gesamtfamiliären Kontext zu überdenken und neue Lösungen jenseits der traditionellen Berufs- und Karrieremodelle zu entwickeln. Das erfordert allerdings eine Neustrukturierung für beide Elternteile: Mütter und Väter in hoch-qualifizierten, anspruchsvollen Berufen.

Ein erster Ansatzpunkt ist wohl das Überdenken des eigenen Karriereverständnisses und eine bewusste Reihung dessen, was im eigenen Leben wichtig ist. Als Vorzeigemodell hierbei könnte, wenn man nach einem solchen sucht, Anne-Marie Slaughter fungieren: Sie legte ihre einflussreiche Position als außenpolitische Beraterin Hillary Clintons zurück, weil ihr die Tätigkeit als Universitätsprofessorin mehr Möglichkeiten bot, die beruflichen Anforderungen in angemessener Weise mit den anderen Lebensbereichen zu vereinbaren.[4]

Was sagen Sie dazu? Wir freuen uns darauf, Ihre Meinung zu lesen!

 

Die Verfasserin, ao. Univ-Prof. Dr. Katharina Auer-Srnka, beschäftigt sich wissenschaftlich mit dem Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

 

Zum Nach- und Weiterlesen

[1] o.V.: Digitale Helden erreichen mehr. Ein Tag im Leben von Dorothee Ritz. General Manager von Microsoft Österreich, in: update 1_17, S. 8-9.

[2] European Commission /2007): European Social Reality. Special Eurobarometer 273, S. 15, online abrufbar unter: http://ec.europa.eu/commfrontoffice/publicopinion/archives/ebs/ebs_273_en.pdf

[3] Lalouschek, W./Kainz, B. (2008): Geschlechtsspezifische Aspekte von Burnout, Blickpunkt der mann, Wissenschaftliches Journal für Männergesundheit, 6 (3), S. 6-12, online abrufbar unter: http://www.kup.at/kup/pdf/7319.pdf

[4] Anne-Marie Slaughter (2012): Why Women Still Can’t Have It All, The Atlantic, July/August, online abrufbar unter: https://www.theatlantic.com/magazine/archive/2012/07/why-women-still-cant-have-it-all/309020/

 

Zeit für Familie

Ökonomisierung der Familie

Wäre die aktuelle Debatte um die Vereinbarkeit von Familie und Berufstätigkeit von Frauen ein Schulaufsatz, müsste man sie in weiten Teilen wohl schlichtweg als Themenverfehlung werten. In der Diskussion werden verschiedene Betrachtungsebenen und Ansprüche miteinander vermischt bzw. – ganz selbstverständlich oder nur irrtümlich – gleichgesetzt. Die meisten Überlegungen, die zu dem Thema in der öffentlichen Auseinandersetzung geäußert werden, sind partikularistisch und einseitig. Es fehlt ein systematischer Zugang im Hinblick auf die verschiedenen Interessen und Bedürfnisse auf gesellschaftlicher versus individueller Ebene.

Rascher Wiedereinstieg in den Wirtschaftsprozess erwünscht!

So ist die politische Diskussion implizit von einem Primat der Wirtschaft geprägt; im Mittelpunkt stehen die höchstmögliche Produktivität gut ausgebildeten Humankapitals, eine schnelle Rückkehr von Müttern in den Arbeitsmarkt sowie die angestrebte Vollzeitbeschäftigung von Müttern und Vätern. Das In-Einklang-Bringen von Familie und Beruf wird dabei zumeist stark verkürzt als „Vereinbarkeit familiärer Betreuungsaufgaben und (Vollzeit-)Erwerbstätigkeit“[1] verstanden.

Lebensstandard halten, Lebensqualität für Kinder und Eltern sichern

Demgegenüber gilt es für Eltern, die finanzielle Erfordernissen zum Erhalt des Lebensstandards bei gleichzeitig hohen zusätzlichen Ausgaben mit einer Vielzahl anderer Anforderungen zu vereinbaren; „Betreuungsaufgaben“ (darunter wird typischerweise vornehmlich die Beaufsichtigung von Kindern verstanden) stellen dabei nur einen, wenn auch durchaus wesentlichen, Teil des Aufgabenspektrums dar. Zunächst sind da die emotionalen Bedürfnisse; jene der Kinder nach Zuwendung & Aufmerksamkeit wie auch jene der Mütter und Väter selbst nach Anteil an der Entwicklung und Prägung ihrer Kinder. Dann ist da der enorme Aufwand an Zeit und Energie für die Pflege, Beaufsichtigung und Erziehung der Kinder. Dazu zählen durchwachte Nächte, Kinderarzttermine, Spielegruppen, Hausaufgabenkontrolle und Vokabel-üben, Fahrzeiten zu Klavierstunden oder Fußballtraining ebenso wie gemeinsame, bekömmliche Mahlzeiten (die es auch vorzubereiten gilt) sowie Zeit für gemeinsame Erlebnisse, Berührung und Gespräche. Ferner gilt es für Mütter wie auch Väter, die eigene körperliche und mentale Verfassung möglichst gesund zu erhalten durch ausreichend Schlaf und Regenerationsphasen, Sport und sozialen Austausch. Nicht zuletzt brauchen Eltern die Möglichkeit ihre Fähigkeiten & Neigungen – über Kindererziehung, Familienmanagement & Haushalt hinaus –  zu leben.

Mehr Zeit für Be- und Erziehung

Ließen sich all diese Anforderungen innerhalb von 24 Stunden, an 7 Tagen pro Woche & 365 Tagen im Jahr erfüllen und mit einem 40-60 Stunden Job beider Elternteile vereinbaren, so wären – neben den arbeitsmarktbezogenen Zielen – auch bislang weniger diskutierte gesellschaftliche Ziele deutlich besser erreicht als dies aktuell der Fall ist: Emotional stabile, bindungsfähige Kinder, die Freude am Lernen haben & zu sozial kompetenten, offenen Menschen heranwachsen, die in der Lage sind, ihr Leben innerhalb eines gesunden Spektrums abseits von Depression oder Burn-out zu bewältigen und deutlich seltener Neigungen zu Gewalt oder Suchtverhalten zeigen. Aktuell ist dies eine Utopie.

Lösungen aus vorliegenden Forschungsergebnissen ableiten

Um realistische, effektive Lösungen für die faktisch bestehenden Interessenskonflikte und daraus resultierenden Folgeprobleme zu erarbeiten, bedarf es eines Verständnisses der Gesamtzusammen­hänge durch systematische Betrachtung der verschiedenen Ansprüche, Interessen und Bedürfnisse aller Beteiligten auf gesamtgesellschaftlicher Ebene einerseits und auf Ebene der Familie (jeweils aus Sicht von Müttern, Vätern und Kindern) andererseits. Wissenschaftliche Erkenntnisse dazu liegen vor!

Was sagen Sie dazu? Wir freuen uns darauf, Ihre Meinung zu lesen!

 

Zum Nach- und Weiterlesen

[1] http://www.familieundberuf.at/

 

Verfasserin: Univ-Prof. Dr. Katharina J. Auer-Srnka
Katharina Auer-Srnka beschäftigt sich wissenschaftlich mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Hinweis: Dieser Beitrag ist unter dem Titel „Vereinbarkeit von Familie & Arbeit: Gesellschaftliche, wirtschaftliche und persönliche Ansprüche im Konflikt.“ auf  https://zartbitter.co.at/blog erschienen.