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Mother guilt

Schuldig?!

„Mother guilt“ ist ein Begriff, der Ende der 1980er in der sozialwissenschaftlichen Fachliteratur geprägt wurde und auf den man aktuell unter hochqualifizierten, berufstätigen Frauen – nicht nur im anglo-amerikanischen Raum – häufig trifft.[1] Dahinter steht jenes Gefühl, das Frauen ins Gesicht geschrieben ist, wenn sie abseits eines Termins, einer Konferenz oder einer internen Besprechung auf ihre Kinder angesprochen werden. Passend dazu setzt sich Karin Schuh in der Presse vom letzten Sonntag in der Leben-Beilage zu den Themen Erziehung, Familie und Alltag unter dem Titel „Das ewig schlechte Gewissen“ mit dem Thema Schuldgefühle von Müttern auseinander.[2] Der Presse-Beitrag ist anregend, zieht aber möglicherweise nicht in allen Belangen die richtigen oder zumindest einzig möglichen Schlüsse. Insbesondere wird ein wesentlicher Aspekt im Artikel ausgeblendet: Während der englische Begriff mother guilt ein Gefühl bezeichnet, gilt es in der Diskussion zwischen Schuld als Resultat von Fehlverhalten und (ggf daraus folgenden) Schuldgefühlen zu differenzieren. Die Betrachtungen an diesem Punkt weiterzuführen, verspricht weiterführende Erkenntnisse zu Vereinbarkeit von Mutter-sein & Beruf, Work-Life-Balance sowie Lebensqualität.

Mütter: Zwischen Schuld & Gefühlen

Schuldig wird nach gängiger Rechtsvorstellung, wer a. zurechnungsfähig ist, wissentlich & vorsätzlich bzw. sorgfaltswidrig agiert, dabei nicht in Not handelt & alternative Handlungsmöglichkeiten hat und b. Falsches* tut oder Notwendiges unterlässt. Das ist ein juristisches bzw. sachliches Faktum.[3] Wer schuldig wird, hat – unter gewöhnlichen Bedingungen – Schuldgefühle. Diese sind eine psychologische Folge des Fehlverhaltens oder der Pflichtverletzung. Schuldgefühle haben grundsätzlich eine positive Funktion: Sie sollen eine Änderung des im sozialen Kontext als inadäquat beurteilten Verhaltens bewirken.[4]

Wenngleich Schuldgefühle zumeist aus schuldhaftem Verhalten resultiert, kann schlechtes Gewissen auch ohne einen objektiven Grund – etwa aufgrund persönlicher Fehleinschätzungen – entstehen. Mütter haben unter gewöhnlichen Umständen ein recht gutes Gefühl dafür, was im Hinblick auf ihre Kinder richtig und gut ist. Wie kommt es dann zu „Mutter-Schuld“? Und: Sind die negativen Gefühle, die berufstätige Frauen vielfach empfinden, tatsächlich immer schuldbedingt schlechtes Gewissen?

Betrachtet man die oben unter a. aufgelisteten Bedingungen, so könnte es sich – wo „schlechtes Gewissen“ vermutet wird – durchaus auch um Trauer handeln. Trauer darüber, dass alternative Handlungsmöglichkeiten fehlen; etwa, weil finanzielle Zwänge objektiv keine Alternative lassen zu einer baldigen Wiederaufnahme der Arbeit. Es könnte Wut sein, weil eine Notsituation eine Mutter zwingt, ihr Kind in Fremdbetreuung zu geben oder Verzweiflung, weil man in emotionaler Aufwühlung falsche Entscheidungen getroffen hat, die kurzfristig nicht zu ändern scheinen.

Möglicherweise ist es auch zu einem gewissen Teil Unzufriedenheit damit, aufgrund familiärer Restriktionen eigene Erwartungen oder die anderer im beruflichen Kontext nicht erfüllen zu können, als unzuverlässig wahrgenommen zu werden, nicht die bestmögliche Leistung erbringen zu können oder einen Teil der eigenen Identität verloren zu haben. Gleichzeitig könnte das Gefühl der Scham darüber mitschwingen, dieses Gefühl der Unzufriedenheit als Mutter überhaupt zu empfinden.

Es ist auch denkbar, dass es sich um Sehnsucht danach handelt, bald wieder beim Kind (oder den Kindern bzw. der Familie) zu sein. Diese Empfindung stellt sich regelmäßig ein, wenn Frauen sich bewusst dafür entschieden haben, ihrem Beruf in bestimmter Form und klar bemessenem Umfang nachzugehen. Eine solche – von den Entscheidenden als richtig beurteilte – Entscheidung gründet dann in einer  Abwägung der eigenen Interessen als Frau, Mutter und Partnerin einerseits und jenen der anderen Betroffenen, insbesondere Kinder, Partner und die Familie als Ganzes.

Wann aber handelt es sich dann um Schuld? Und: Wann stellen sich – berechtigt oder auch unberechtigterweise – wirkliche Schuldgefühle bei Müttern ein? Schuld setzt voraus, dass eine Frau wissentlich und trotz anderer Handlungsmöglichkeiten falsch handelt. Die Klärung der Schuldfrage setzt im konkreten Fall immer die Frage nach dem was „richtiges“ bzw. „falsches“ Handeln im Zusammenhang mit Mutter-sein bzw. Kinder-haben einerseits und Berufstätigkeit als Frau andererseits darstellt. Bei der Beurteilung ist den besonders schutzwürdigen Bedürfnissen und Interessen der Kinder uneingeschränkte Priorität einzuräumen:“Eltern haben das Wohl ihrer minderjährigen Kinder zu fördern, ihnen Fürsorge, Geborgenheit und eine sorgfältige Erziehung zu gewähren.“[5]

Eltern-Verantwortung statt Mutter-Schuld

Als schuldhaft kann ein Handeln bewertet werden, wenn die eigenen Interessen über das Kindeswohl gestellt werden und etwa zugunsten der Berufstätigkeit bzw. der beruflichen Karriere die Befriedigung kindlicher Bedürfnisse in nachhaltiger Weise hintangestellt wird. Wenn Mütter oder Väter zur Beförderung ihres beruflichen Fortkommens Zeit und Energie in den Beruf investieren, die in der Familien- und Haushaltsarbeit abgehen, so handeln sie egoistisch (oder in manchen Fällen zwanghaft). Bei Frauen stellt sich unter solchen Bedingungen typischerweise „mother guilt“ ein.

Ist ein entsprechendes Handeln, also hohe zeitliche und energiemäßige Investition in den Beruf, auch dann schuldhaft, wenn – ungeachtet objektiv vorhandener anderer Optionen** – die betroffene Person subjektiv keine Alternativen (zur aktuellen Position, dem bestehenden Arbeitszeitmodell bzw. Aufgabenbereich, einem anstehenden Karriereschritt) sieht? Das Gefühl, das sich in solchen Situationen bei Müttern einstellt, ist oft weniger schlechtes Gewissen als Verzweiflung, weil es nicht möglich erscheint, die an sie gestellten vielfältigen Erwartungen zu erfüllen, und die eigenen Bedürfnisse auf der Strecke bleiben.

Sofern sich die Spirale nicht bereits soweit nach unten gedreht hat, dass bereits psychische Auswirkungen, insbesondere Angst-Störungen oder Depression, nachweisbar sind (dann ist ab einem bestimmten Punkt möglicherweise die „Zurechnungsfähigkeit“ nicht mehr vollumfänglich als gegeben anzusehen), muss man auch in solch einem Fall von Mutter-Schuld sprechen. Denn: Zu frühe, zeitlich zu umfangreiche oder unregelmäßige, personell variierende Fremdbetreuung v.a. bei Säuglingen und Kleinkindern kann auf wissenschaftlicher Basis als falsch beurteilt werden. Mangelnder dauerhafter und verlässlicher Austausch zwischen Kind(ern) und beiden Elternteilen birgt bis in die späte Pubertät hinein Risiken nachteiliger Bindungserfahrungen und ist damit ebenfalls falsch.

Dauerhafte Überlastung von Müttern bzw. Vätern aufgrund hoher beruflicher Anforderungen neben der Familien- und Haushaltsarbeit sowie Kindersorge verbunden mit daraus resultierend zu wenig Erholung können zu Fehleinschätzungen, falschen Reaktionen, weniger Zuwendung und höherem Aggressionspotenzial innerhalb der Familie führen. Lassen Eltern eine solche Überlastungssituation längerfristig zu, handeln sie letztlich schuldhaft. Das schlechte Gewissen nach einer vermeidbaren Auseinandersetzung oder unangepasstem Verhalten ist zumeist vorprogrammiert. Bevor sich Schuldgefühle einstellen, stellt aber oft schon längerfristig Unzufriedenheit ein. Wird bereits dann angesetzt und aktiv nach neuen, besseren Lösungen für Vereinbarkeit gesucht, könnte sich die Frage nach weiteren negativen Emotionen erübrigen ….

„Mother guilt“ ist insgesamt besehen ein höchst komplexes Phänomen, bei dem klar zwischen schuldhaftem Handeln einerseits und einer Vielzahl möglicher negativer Gefühle andererseits zu unterscheiden ist – schlechtes Gewissen ist nur eines davon. Wie bereits oben angemerkt, haben Eltern zumeist ein recht gutes Gefühl für das, was für ihre Kinder (und auch für sie selbst) richtig ist. Niemand sollte – und kann ohne massiv beeinträchtigende Folgewirkungen – dauerhaft mit Schuldgefühlen leben; v.a. wenn es um so elementare Themen wie Kinder, Familie & Lebensglück geht. Wenn sich negative Gefühle – welcher Art auch immer – einstellen, so ist dies gewöhnlich ein Zeichen, dass etwas „falsch läuft“. Dann liegt es in der Verantwortung berufstätiger Mütter & Väter, die Situation zu analysieren, neu zu bewerten und nach zufriedenstellenden Lösungen zu suchen. Es gilt, unter den jeweils gegebenen Voraussetzungen die bestmöglichen Bedingungen für die Vereinbarung von Familie, Kinderfürsorge & Beruf zu schaffen. Aus dieser Verantwortung können Eltern nicht entlassen werden. Sie benötigen dafür allerdings größtmögliche, aktive Unterstützung durch Politik, Arbeitgeber & unmittelbares soziales Umfeld. Diese bestimmen die Voraussetzungen für Vereinbarkeit wesentlich mit!

Was sagen Sie dazu? Wir freuen uns darauf, Ihre Meinung zu lesen!

 

* Im Strafgesetz sind darunter unerlaubte Handlungen subsummiert. In der gegenständlichen Diskussion umfasst „Falsches“ dem Kindeswohl zuwiderlaufendes Handeln.

** In hochqualifizierten Berufen und insbesondere in Doppelverdiener-Haushalten besteht (soweit sich die Anforderungen im Beruf als unvereinbar mit der Familiensituation erweisen) rein faktisch meist die Möglichkeit eines beruflichen Ausstiegs für einen der beiden Partner. Dies ist aber im Regelfall mit nachhaltigen Karriereeinbußen oder auch einem gänzlichen Karriereabbruch verbunden.

 

Zum Nach- und Weiterlesen

[1] Braverman, L. (1989). Mother guilt. The Family Therapy Networker, 13(5), 46-47.

[2] Schuh, Karin (2017): Das ewig schlechte Gewissen, Die Presse, 4. Juni 2017, S. 33., online abrufbar unter: http://diepresse.com/home/leben/mode/5229282/Das-ewige-schlechte-Gewissen

[3] vgl. Österreichisches Strafgesetzbuch (StGB) §§ 2-11

[4] Baumeister, Roy F. / Leary, Mark R. (1995): The Need to Belong: Desire for Interpersonal Attachments as a Fundamental Human Motivation, Psychological Bulletin, 117 (3), S. 497-529.

[5] vgl. Österreichisches Allgemeines Bürgerliches Gesetzbuch (ABGB) § 137 Abs 1.

 

Die Verfasserin, ao. Univ-Prof. Dr. Katharina Auer-Srnka, beschäftigt sich wissenschaftlich mit dem Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Nach der Babypause: Wiedereinstieg in den Beruf

Wiedereinstieg: Richtiger Zeitpunkt

Die Frage, ab wann Mütter (wieder) in ihren Beruf zurückkehren sollten mit der Frage gleichzusetzen, ab wann Kinder Betreuungseinrichtungen besuchen können, ist ein weitverbreiteter, fundamentaler Irrtum.[1] Berufstätigkeit von Müttern bedeutet für Kind(er), Mutter und das gesamte Familiengefüge deutlich mehr als „nur“ die (zumeist bestehende Notwendigkeit der) Fremdbetreuung des Kindes – sowie die damit verbundenen Organisation von Hinbringen und Abholen, Überbrücken von Ferienzeiten sowie Krisenmanagement im Falle der Erkrankung (was alles zusammen für beide Elternteile mit zunehmender Kinderzahl eine scheinbar exponentiell steigende Belastung darstellt!). Wenn Mütter arbeiten, verändert sich der gesamte Tagesablauf. Das hat zahlreiche Vor- aber auch erhebliche Nachteile, die es bei der Entscheidung für die Rückkehr in die Berufstätigkeit zu berücksichtigen gilt – sowohl auf den Zeitpunkt als auch das Stundenausmaß beim Wiedereinstieg!

Vorteile & Rahmenbedingungen von Krabbelstube & Kindergarten

Ohne Zweifel gewinnt die Woche an Struktur, was Kindern wie auch Eltern zumeist entgegen kommt: Verlässliche Abläufe und gewohnte Strukturen geben Sicherheit und vereinfachen die Organisation. Die meisten Kinder ab dem Alter von rund 18 Monaten profitieren, vorliegenden Studienergebnissen zufolge, nach einer gelegentlich herausfordernden Phase der Eingewöhnung deutlich vom Besuch einer gut organisierten Betreuungseinrichtung mit gut qualifiziertem und professionell geführtem Personal. Die Kinder profitieren im Regelfall erheblich von der sozialen Interaktion und der kognitiven Stimulation.[2] Allerdings zeigen Studien übereinstimmend, dass das zeitliche Ausmaß der Fremdbetreuung nicht beliebig gestalt- & ausweitbar ist. Es macht etwa einen erheblichen Unterschied, ob Kinder von 7:00 – 14:00 Uhr oder von 8:30 – 13:30 Uhr fremdbetreut werden. Noch wichtiger als das zeitliche Ausmaß ist aber die Regelmäßigkeit und damit Vorhersehbarkeit für Kinder, wann sie von den Eltern gebracht und v.a. von wem sie begrüßt, übernommen und den Vormittag über betreut werden und auch wann sie von welchem Elternteil wieder abgeholt werden. Übersteigt die Zeit in Fremdbetreuung ein für das einzelne Kind verträgliches Maß, so zeigen sich mittel- und auch langfristig negative psycho-soziale Konsequenzen.[3][5]

Dann bleiben da noch Haushalt & Versorgung von Kindern & Familie

Doch auch wenn Eltern ihre Kinder ab rund 1 ½ Jahren immerhin einen halben Tag in entsprechenden Einrichtungen gut betreut wissen, bleiben zahlreiche weitere Anforderungen, die es zu bedenken gilt, bevor Startzeitpunkt und Ausmaß der beruflichen Tätigkeit sinnvoll entschieden werden können. So bleibt die Haushaltstätigkeit (Putzen, Wäsche etc.) sowie die laufende Versorgung der Familie (v.a. Einkauf und Kochen) sowie für die Pflege-, Erziehung & Obsorge der Kinder (Reinlichkeitserziehung, Versorgung der Kinder mit jahreszeitlich und größenmäßig passender Kleidung, Kinderarztbesuche, kulturelle Bildung etc.) die in auch den meisten Familien mit zwei berufstätigen Elternteilen zum Großteil von Frauen erledigt wird. Auch Reparaturen und Instandhaltungsarbeiten werden nicht immer vom männlichen Elternteil erledigt. Müssen all diese Arbeiten überwiegend am Nachmittag oder am Wochenende erledigt werden, so bleibt entsprechend weniger Zeit für gemeinsame Aktivitäten mit Kindern und Partner/in. So zeigt die Zeitverwendungsstudie der Statistik Austria, dass erwerbstätige Frauen täglich drei Stunden für die Haushaltsführung und nur eine knappe halbe Stunde für die aktive Betreuung ihrer Kinder (wobei dann, im Gegensatz zur Kinderbetreuung durch Männer, seltener Spielen als Aufgaben kontrollieren, Lernen u.dgl. im Vordergrund steht) aufwenden.[6]

Eigene Bedürfnisse müssen auch noch Platz haben!

Zumeist werden diese Aufgaben daher in die Abend- bzw. Nachtstunden verschoben. Dafür verzichten Eltern und insbesondere Frauen auf Zeit für ihre eigenen Bedürfnisse (Fitness, Erholung, Muße und Schlaf). Langfristig führt dies aber, in Verbindung mit zunehmender beruflicher Anforderung, zu Stress, Ermüdung und schließlich Erschöpfung beider Eltern, insbesondere der Mütter. Es macht einen wesentlichen Unterschied, ob man als Mutter die Zeit und Gelegenheit hatte, den Arbeitsalltag hinter sich zu lassen und zu Mittag zu essen, oder ob man hungrig direkt von Büro, Geschäft, Kanzlei o.a. in Krabbelstube bzw. Kindergarten hetzt. Gestresste, müde bzw. erschöpfte Mütter neigen mit der Zeit dazu, ihren Kindern weniger positive Zuwendung zu geben und in geringerem Maße adäquat und konsequent auf die Bedürfnisse und Wünsche ihrer Kinder zu reagieren. Dies fördert in zunehmendem innerfamiliäre Konflikte und langfristige psycho-soziale Probleme [4].

Wie also sieht eine zusammenfassende Antwort auf die Frage aus, wann Mütter wiedereinsteigen können/sollen?

Richtlinien: Was wissenschaftliche Forschung nahelegt

Die jeweils konkrete Entscheidung hängt immer von einer Vielzahl von Faktoren ab, wie a) dem Wunsch der Mutter (wieder) beruflich tätig zu werden oder daheim zu bleiben, b) der finanziellen Notwendigkeit, spätestens nach der Karenzzeit wieder arbeiten zu gehen, c) dem emotionalen und psycho-sozialen Entwicklungsstand und damit verbunden der Bereitschaft des Kindes von fremden Personen betreut zu werden, c) Verfügbarkeit ausreichender Plätze in einer qualitativ hochwertigen und auch leistbaren Betreuungseinrichtung bzw. verlässlicher und stabiler Betreuungsalternativen wie Großeltern oder anderen Personen aus dem Familienverbund u.v.a.m. Dennoch geben vorliegende Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung verlässliche Orientierung für die persönliche Entscheidung von Müttern bzw. Eltern für den Wiedereinstieg:

  1. Fremdbetreuung von Kindern unter 1 Jahr (insbesondere vor Ende des 9. Lebensmonats) bedeutet eine erhebliche Stressbelastung und zeigt auch auf lange Sicht deutlich nachteilige Wirkungen für Kinder.[1] Insbesondere bei emotionaler Stabilität und Bindungsfähigkeit sind negative Konsequenzen deutlich nachweisbar.[4] Der regelmäßige Besuch einer pädagogisch gut geführten Betreuungseinrichtung ab einem Alter von rund 1 ½ Jahren hingegen bietet für Kinder gute Lern- & Entfaltungsmöglichkeiten ergänzend zur elterlichen Pflege, Betreuung und Erziehung. „Parenting“, also die elterliche Betreuung, stellt jedoch unter normalen Bedingungen die Basis einer gesunden, befriedigenden emotionalen, sozialen und kognitiven Kindesentwicklung dar.[5]
  2. Fremdbetreuung in einer Betreuungseinrichtung führt zu negativen Effekten im emotionalen und sozialen Bereich, wenn der Besuch der Betreuungseinrichtung zu früh, unregelmäßig oder über zu lange Zeit des Tages erfolgt. Ideal erweist sich bei Kindern bis zu 3 Jahren ein Maximum von rund 25 Stunden/Woche Ess- und Schlafzeiten eingerechnet. Mit zunehmendem Alter ist eine Ausweitung der Zeiten und auch Formen der Fremdbetreuung möglich. Allerdings entwickelt sich diese Ausweitungsmöglichkeit nicht linear. Sie steigt typischerweise ab dem vollendeten 3. Lebensjahr kontinuierlich an. Rund um sogenannte „Life Events“ wie Schuleintritt, Schulwechsel oder Einsetzen der Pubertät jedoch zeigen Kinder bzw. auch Jugendliche ein erhöhtes Bedürfnis nach gemeinsamer Zeit und Austausch, gemeinsamen Mahlzeiten sowie gemeinsamen Aktivitäten. Bleibt neben fixen Arbeitszeiten dafür nicht ausreichend Gelegenheit, erweist sich dies für Kinder wie Eltern als höchst unbefriedigend und stressinduzierend.
  3. Teilzeitarbeit von Müttern ist vorliegenden Forschungsergebnissen zufolge für Kinder deutlich vorteilhafter als Vollzeitberufstätigkeit [1], wobei ein Gesamtmaß von rund 25 Stunden Fremdbetreuung in den ersten drei Lebensjahren nicht überschritten werden sollte. 25 Stunden Fremdbetreuung bedeuten unter den Bedingungen einer durchschnittlichen Familie mit Kleinkindern nicht 25 Stunden Arbeitszeit für Mütter. Es bleiben täglich mehrere Stunden für Betreuung und Beschäftigung der Kinder sowie für Versorgungs- und Haushaltsarbeiten. Und nicht zuletzt: Die eigenen Bedürfnisse müssen einen fixen Platz haben! Das heißt: Haushalt ist nicht Freizeit, sondern Arbeitszeit. Freizeit ist zu 1/3 Familien- & Kinderzeit, zu 1/3 soziale Zeit (als Paar oder mit Freunden) und zu 1/3 persönliche Freizeit.

Also ab wann können Mütter arbeiten und wieviel?

Berücksichtigt man die angeführten Forschungserkenntnisse, so sollte man Müttern – und durchaus auch diese sich selbst – rund anderthalb Jahre Baby- bzw. Familienzeit gönnen, bevor der für das Kind passende Zeitpunkt für den Eintritt in eine Krabbelstube ausgelotet wird. Darüber hinaus erweist es sich als sinnvoll, nicht zeitgleich sondern zeitlich versetzt etwas später in den Beruf zurückzukehren, das Ausmaß der Arbeitsstunden unter dem geplanten Betreuungsausmaß (also maximal halbtags) und die wöchentliche Aufteilung der Arbeitszeit so zu wählen, dass ein arbeitsfreier Wochentag zur Verfügung bleibt (4-Tage Woche). Schließlich sollte geplant werden, wie möglichst stressfrei mit betreuungsfreien Zeiten (Ferien), Erkrankung des Kindes und kurzfristig erforderlicher Verfügbarkeit (Abholung aus dem Kindergarten wegen Unfall o.ä.) umgegangen werden soll. Sind all diese Aspekte berücksichtigt und geplant, bleibt immer noch genug an Unvorhersehbarem, dass den Alltag berufstätiger Eltern zur Herausforderung macht und gleichzeitig enorm bereichert!

Was sagen Sie dazu? Wir freuen uns darauf, Ihre Meinung zu lesen!

 

Verfasserin: Univ-Prof. Dr. Katharina J. Auer-Srnka
Katharina Auer-Srnka beschäftigt sich wissenschaftlich mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

 

Zum Nach- und Weiterlesen

[1] vgl. Gunn-Brooks, Jeanne/Han, Wen-Jui/Waldfogel, Jane (2002): Maternal Employment and Child Cognitive Outcomes in the First Three Years of Life: The NICHD Study of Early Child Care, Child Development, Vol. 73 (No. 4), pp. 1052-1072.

[2] Felfe, Christina/Lalive, Rafael (2014): Does Early Child Care Help or Hurt Children’s Development?, Institute for the Study of Labor/Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit, Discussion Paper, No. 8484, URL: http://ftp.iza.org/dp8484.pdf

[3] Felfe, Christina/Lalive, Rafael (2012): Early Child Care and Child Development: For Whom it Works and Why, Institute for the Study of Labor/Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit, Discussion Paper, No. 7100, URL: http://ftp.iza.org/dp7100.pdf

[4]Ackard, Diann M./Neumark-Sztainer, Dianne/Story, Mary/Perry, Cheryl (2006): Parental-Child Connectedness and Behavioral and Emotional Health Among Adolescents, American Journal of Preventive Medicine, Vol 30 (No. 1), pp. 58-66.

[5] Belsky, Jay/Clarke-Stewart, Alison/Lowe Vandell, Deborah/Tresch Owen, Margaret (2007): Are There Long-Term Effects of Early Child Care?, Child Development, Vol. 78 (No. 2), pp. 681-701.

[6] Statistik Austria (2009): Zeitverwendungserhebung 2008/09, URL: https://www.statistik.at/web_de/statistiken/menschen_und_gesellschaft/soziales/zeitverwendung/zeitverwendungserhebung/index.html