Mother guilt

Schuldig?!

„Mother guilt“ ist ein Begriff, der Ende der 1980er in der sozialwissenschaftlichen Fachliteratur geprägt wurde und auf den man aktuell unter hochqualifizierten, berufstätigen Frauen – nicht nur im anglo-amerikanischen Raum – häufig trifft.[1] Dahinter steht jenes Gefühl, das Frauen ins Gesicht geschrieben ist, wenn sie abseits eines Termins, einer Konferenz oder einer internen Besprechung auf ihre Kinder angesprochen werden. Passend dazu setzt sich Karin Schuh in der Presse vom letzten Sonntag in der Leben-Beilage zu den Themen Erziehung, Familie und Alltag unter dem Titel „Das ewig schlechte Gewissen“ mit dem Thema Schuldgefühle von Müttern auseinander.[2] Der Presse-Beitrag ist anregend, zieht aber möglicherweise nicht in allen Belangen die richtigen oder zumindest einzig möglichen Schlüsse. Insbesondere wird ein wesentlicher Aspekt im Artikel ausgeblendet: Während der englische Begriff mother guilt ein Gefühl bezeichnet, gilt es in der Diskussion zwischen Schuld als Resultat von Fehlverhalten und (ggf daraus folgenden) Schuldgefühlen zu differenzieren. Die Betrachtungen an diesem Punkt weiterzuführen, verspricht weiterführende Erkenntnisse zu Vereinbarkeit von Mutter-sein & Beruf, Work-Life-Balance sowie Lebensqualität.

Mütter: Zwischen Schuld & Gefühlen

Schuldig wird nach gängiger Rechtsvorstellung, wer a. zurechnungsfähig ist, wissentlich & vorsätzlich bzw. sorgfaltswidrig agiert, dabei nicht in Not handelt & alternative Handlungsmöglichkeiten hat und b. Falsches* tut oder Notwendiges unterlässt. Das ist ein juristisches bzw. sachliches Faktum.[3] Wer schuldig wird, hat – unter gewöhnlichen Bedingungen – Schuldgefühle. Diese sind eine psychologische Folge des Fehlverhaltens oder der Pflichtverletzung. Schuldgefühle haben grundsätzlich eine positive Funktion: Sie sollen eine Änderung des im sozialen Kontext als inadäquat beurteilten Verhaltens bewirken.[4]

Wenngleich Schuldgefühle zumeist aus schuldhaftem Verhalten resultiert, kann schlechtes Gewissen auch ohne einen objektiven Grund – etwa aufgrund persönlicher Fehleinschätzungen – entstehen. Mütter haben unter gewöhnlichen Umständen ein recht gutes Gefühl dafür, was im Hinblick auf ihre Kinder richtig und gut ist. Wie kommt es dann zu „Mutter-Schuld“? Und: Sind die negativen Gefühle, die berufstätige Frauen vielfach empfinden, tatsächlich immer schuldbedingt schlechtes Gewissen?

Betrachtet man die oben unter a. aufgelisteten Bedingungen, so könnte es sich – wo „schlechtes Gewissen“ vermutet wird – durchaus auch um Trauer handeln. Trauer darüber, dass alternative Handlungsmöglichkeiten fehlen; etwa, weil finanzielle Zwänge objektiv keine Alternative lassen zu einer baldigen Wiederaufnahme der Arbeit. Es könnte Wut sein, weil eine Notsituation eine Mutter zwingt, ihr Kind in Fremdbetreuung zu geben oder Verzweiflung, weil man in emotionaler Aufwühlung falsche Entscheidungen getroffen hat, die kurzfristig nicht zu ändern scheinen.

Möglicherweise ist es auch zu einem gewissen Teil Unzufriedenheit damit, aufgrund familiärer Restriktionen eigene Erwartungen oder die anderer im beruflichen Kontext nicht erfüllen zu können, als unzuverlässig wahrgenommen zu werden, nicht die bestmögliche Leistung erbringen zu können oder einen Teil der eigenen Identität verloren zu haben. Gleichzeitig könnte das Gefühl der Scham darüber mitschwingen, dieses Gefühl der Unzufriedenheit als Mutter überhaupt zu empfinden.

Es ist auch denkbar, dass es sich um Sehnsucht danach handelt, bald wieder beim Kind (oder den Kindern bzw. der Familie) zu sein. Diese Empfindung stellt sich regelmäßig ein, wenn Frauen sich bewusst dafür entschieden haben, ihrem Beruf in bestimmter Form und klar bemessenem Umfang nachzugehen. Eine solche – von den Entscheidenden als richtig beurteilte – Entscheidung gründet dann in einer  Abwägung der eigenen Interessen als Frau, Mutter und Partnerin einerseits und jenen der anderen Betroffenen, insbesondere Kinder, Partner und die Familie als Ganzes.

Wann aber handelt es sich dann um Schuld? Und: Wann stellen sich – berechtigt oder auch unberechtigterweise – wirkliche Schuldgefühle bei Müttern ein? Schuld setzt voraus, dass eine Frau wissentlich und trotz anderer Handlungsmöglichkeiten falsch handelt. Die Klärung der Schuldfrage setzt im konkreten Fall immer die Frage nach dem was „richtiges“ bzw. „falsches“ Handeln im Zusammenhang mit Mutter-sein bzw. Kinder-haben einerseits und Berufstätigkeit als Frau andererseits darstellt. Bei der Beurteilung ist den besonders schutzwürdigen Bedürfnissen und Interessen der Kinder uneingeschränkte Priorität einzuräumen:“Eltern haben das Wohl ihrer minderjährigen Kinder zu fördern, ihnen Fürsorge, Geborgenheit und eine sorgfältige Erziehung zu gewähren.“[5]

Eltern-Verantwortung statt Mutter-Schuld

Als schuldhaft kann ein Handeln bewertet werden, wenn die eigenen Interessen über das Kindeswohl gestellt werden und etwa zugunsten der Berufstätigkeit bzw. der beruflichen Karriere die Befriedigung kindlicher Bedürfnisse in nachhaltiger Weise hintangestellt wird. Wenn Mütter oder Väter zur Beförderung ihres beruflichen Fortkommens Zeit und Energie in den Beruf investieren, die in der Familien- und Haushaltsarbeit abgehen, so handeln sie egoistisch (oder in manchen Fällen zwanghaft). Bei Frauen stellt sich unter solchen Bedingungen typischerweise „mother guilt“ ein.

Ist ein entsprechendes Handeln, also hohe zeitliche und energiemäßige Investition in den Beruf, auch dann schuldhaft, wenn – ungeachtet objektiv vorhandener anderer Optionen** – die betroffene Person subjektiv keine Alternativen (zur aktuellen Position, dem bestehenden Arbeitszeitmodell bzw. Aufgabenbereich, einem anstehenden Karriereschritt) sieht? Das Gefühl, das sich in solchen Situationen bei Müttern einstellt, ist oft weniger schlechtes Gewissen als Verzweiflung, weil es nicht möglich erscheint, die an sie gestellten vielfältigen Erwartungen zu erfüllen, und die eigenen Bedürfnisse auf der Strecke bleiben.

Sofern sich die Spirale nicht bereits soweit nach unten gedreht hat, dass bereits psychische Auswirkungen, insbesondere Angst-Störungen oder Depression, nachweisbar sind (dann ist ab einem bestimmten Punkt möglicherweise die „Zurechnungsfähigkeit“ nicht mehr vollumfänglich als gegeben anzusehen), muss man auch in solch einem Fall von Mutter-Schuld sprechen. Denn: Zu frühe, zeitlich zu umfangreiche oder unregelmäßige, personell variierende Fremdbetreuung v.a. bei Säuglingen und Kleinkindern kann auf wissenschaftlicher Basis als falsch beurteilt werden. Mangelnder dauerhafter und verlässlicher Austausch zwischen Kind(ern) und beiden Elternteilen birgt bis in die späte Pubertät hinein Risiken nachteiliger Bindungserfahrungen und ist damit ebenfalls falsch.

Dauerhafte Überlastung von Müttern bzw. Vätern aufgrund hoher beruflicher Anforderungen neben der Familien- und Haushaltsarbeit sowie Kindersorge verbunden mit daraus resultierend zu wenig Erholung können zu Fehleinschätzungen, falschen Reaktionen, weniger Zuwendung und höherem Aggressionspotenzial innerhalb der Familie führen. Lassen Eltern eine solche Überlastungssituation längerfristig zu, handeln sie letztlich schuldhaft. Das schlechte Gewissen nach einer vermeidbaren Auseinandersetzung oder unangepasstem Verhalten ist zumeist vorprogrammiert. Bevor sich Schuldgefühle einstellen, stellt aber oft schon längerfristig Unzufriedenheit ein. Wird bereits dann angesetzt und aktiv nach neuen, besseren Lösungen für Vereinbarkeit gesucht, könnte sich die Frage nach weiteren negativen Emotionen erübrigen ….

„Mother guilt“ ist insgesamt besehen ein höchst komplexes Phänomen, bei dem klar zwischen schuldhaftem Handeln einerseits und einer Vielzahl möglicher negativer Gefühle andererseits zu unterscheiden ist – schlechtes Gewissen ist nur eines davon. Wie bereits oben angemerkt, haben Eltern zumeist ein recht gutes Gefühl für das, was für ihre Kinder (und auch für sie selbst) richtig ist. Niemand sollte – und kann ohne massiv beeinträchtigende Folgewirkungen – dauerhaft mit Schuldgefühlen leben; v.a. wenn es um so elementare Themen wie Kinder, Familie & Lebensglück geht. Wenn sich negative Gefühle – welcher Art auch immer – einstellen, so ist dies gewöhnlich ein Zeichen, dass etwas „falsch läuft“. Dann liegt es in der Verantwortung berufstätiger Mütter & Väter, die Situation zu analysieren, neu zu bewerten und nach zufriedenstellenden Lösungen zu suchen. Es gilt, unter den jeweils gegebenen Voraussetzungen die bestmöglichen Bedingungen für die Vereinbarung von Familie, Kinderfürsorge & Beruf zu schaffen. Aus dieser Verantwortung können Eltern nicht entlassen werden. Sie benötigen dafür allerdings größtmögliche, aktive Unterstützung durch Politik, Arbeitgeber & unmittelbares soziales Umfeld. Diese bestimmen die Voraussetzungen für Vereinbarkeit wesentlich mit!

Was sagen Sie dazu? Wir freuen uns darauf, Ihre Meinung zu lesen!

 

* Im Strafgesetz sind darunter unerlaubte Handlungen subsummiert. In der gegenständlichen Diskussion umfasst „Falsches“ dem Kindeswohl zuwiderlaufendes Handeln.

** In hochqualifizierten Berufen und insbesondere in Doppelverdiener-Haushalten besteht (soweit sich die Anforderungen im Beruf als unvereinbar mit der Familiensituation erweisen) rein faktisch meist die Möglichkeit eines beruflichen Ausstiegs für einen der beiden Partner. Dies ist aber im Regelfall mit nachhaltigen Karriereeinbußen oder auch einem gänzlichen Karriereabbruch verbunden.

 

Zum Nach- und Weiterlesen

[1] Braverman, L. (1989). Mother guilt. The Family Therapy Networker, 13(5), 46-47.

[2] Schuh, Karin (2017): Das ewig schlechte Gewissen, Die Presse, 4. Juni 2017, S. 33., online abrufbar unter: http://diepresse.com/home/leben/mode/5229282/Das-ewige-schlechte-Gewissen

[3] vgl. Österreichisches Strafgesetzbuch (StGB) §§ 2-11

[4] Baumeister, Roy F. / Leary, Mark R. (1995): The Need to Belong: Desire for Interpersonal Attachments as a Fundamental Human Motivation, Psychological Bulletin, 117 (3), S. 497-529.

[5] vgl. Österreichisches Allgemeines Bürgerliches Gesetzbuch (ABGB) § 137 Abs 1.

 

Die Verfasserin, ao. Univ-Prof. Dr. Katharina Auer-Srnka, beschäftigt sich wissenschaftlich mit dem Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie.