Vereinbarkeit

Familienfreundliche Betriebe

Gestern fand an der Universität Salzburg, organisiert vom WissensNetzwerk RechtWirtschaftArbeitswelt, eine hochkarätig besetzte, inhaltlich höchst anregende interdisziplinäre Fachtagung zum Thema „Familienfreundliche Betriebe: Anspruch und Wirklichkeit“ statt.1 Den OrganisatorInnen, Univ.-Prof.in Mag.a Dr.in Sabine Urnik, Univ.-Prof. Dr. Walter Pfeil und Univ.-Prof.in Mag.a Dr.in Astrid Reichel, ist zu dieser hervorragend konzipierten, gut besuchten Veranstaltung zu gratulieren! Das Themenspektrum reichte von arbeitsrechtlichen und steuerlichen Aspekten über Effekte familienfreundlicher Personalmanagement-Praktiken bis zum Problembereich unbezahlte (Haus-, Kinder- & Familien-) Arbeit als Herausforderung für familienfreundliche Unternehmen.

Hervorzuheben sind die Vorträge der drei Nachwuchswissenschafterinnen Mag.a Katrin Wetsch, Mag. Fabian Schaup und ganz besonders Frau Mag.a Isabella Scheibmayr, die alle drei in höchst professioneller und teilweise durchaus kritischer Weise Anspruch und Wirklichkeit von Familienfreundlichkeit in der Berufswelt beleuchteten. Diese junge Generation von WissenschafterInnen, die wohl schon in absehbarer Zeit selbst mit den Herausforderungen der Vereinbarkeit von Familie und beruflicher Karriere konfrontiert sein dürfte, vermittelt – neben fundierten fachlichen Einblicken – einen persönlich gleichermaßen optimistischen wie auch realistischen Zugang zu dem Thema.

Eher nachdenklich stimmte demgegenüber das Einleitungsreferat von Bundesministerin MMag.a Dr.in Sophie Karmasin. Wenn Frau Karmasin von „familienfreundlichen“ Maßnahmen spricht und gleichzeitig auf den Hauptzweck solcher Maßnahmen hinweist – Erhöhung der Geburtenrate und Frauen in Vollzeit-Beschäftigung bringen, um unser Sozialsystem langfristig zu finanzieren – dann stellt sich im Laufe des Referats das Gefühl ein, dass die politischen Maßnahmen zur Familienförderung eher der Förderung von Wirtschaft und Unternehmen dienen sollen, als den Lebenszielen und persönlichen Wertvorstellungen der betroffenen Frauen und Familien. Besonders schmerzlich vermisst man in den Ausführungen die Perspektive der Kinder. Die den Präsentationen folgende Diskussion verdeutlicht, dass in einem möglichst umfassenden Ausbau der institutionalisierten Fremdbetreuung (idealerweise täglich von 6:30 bis 18:30) die „Lösung des Problems“ gesehen wird. Konsequenzen für Familienleben, Vermittlung von Kultur und Werten sowie allem voran die intellektuelle, emotionale und soziale Entwicklung der Kinder werden vollkommen ausgeblendet.

Den für die Wirtschaft durchaus positiven Effekten der familienpolitischen Maßnahmen der letzten Jahrzehnte stehen gesellschaftspolitisch durchaus als problematisch zu bewertende Entwicklungen gegenüber: in den Bereichen Familie (steigende bzw. anhaltend hohe Scheidungsrate in Österreich), Bildung (ein immer höherer Anteil von Kindern hat Bedarf an außerschulischer Förderung) und Gesundheit (hier ist, neben dem Phänomen zunehmenden Übergewichts v.a. ganz junger Kinder durch Fehlernährung, auf die Zunahme psychischer Auffälligkeiten bei Kindern und psychischer Belastungssymptome bei Frauen zu hinzuweisen). Inwieweit ein Zusammenhang zwischen diesen Entwicklungen und der zunehmenden Berufstätigkeit beider Elternteile unter den gegebenen Bedigungen (z.B. Wegfall von Kinderbetreuung im Familienverband) theoretisch begründ- und empirisch haltbar ist, gilt es wissenschaftlich in differenzierter Weise zu beleuchten und kritisch zu prüfen.

Aus politischer Sicht gilt genau zu analysieren, welche Zielsetzungen eigentlich verfolgt und welche Zielgruppen tatsächlich bedient werden (sollen). Vor allem gilt es zu prüfen, wem konkrete „familien“-freundliche Maßnahmen Vorteile und wem diese möglicherweise auch Nachteile bringen: Was familienfreundlich heißt, ist derzeit oft primär wirtschaftsfreundlich (Frauen in Vollzeit in den Beruf bringen) und nicht selten geradezu frauen- wie auch kinder- & familienfeindlich (lange Fremdbetreuungszeiten für die Kinder; Mehrfachbelastung durch zusätzliche unbezahlte Haushalts-, Kinder- & Familienarbeit für die Frauen; partnerschaftliche bzw. gesamtfamiliäre Konflikte u.a. aufgrund faktischer Verteilungsungerechtigkeit).

Oft sind die Maßnahmen, v.a. aus Sicht hochqualifizierter Frauen aber durchaus frauenfreundlich, weil Sie es Frauen ermöglichen, ihre Qualifikationen und Neigungen in gut dotierter Position zu nutzen und weiterzuentwickeln. Dies ist grundsätzlich positiv zu bewerten; familienfreundlich ist es deswegen allerdings nicht zwingend, wie schon die einleitenden Ausführungen von Vizerektorin a.o. Univ.-Prof.in Dr.in Sylvia Hahn in ihrer Begrüßungsrede zu der Fachtagung verdeutlichten. Um nachhaltige Verbesserungen in der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erreichen, sind Politik wie auch Wissenschaft  im Hinblick auf familienfreundliche Gestaltung von Arbeitszeiten und Arbeitsformen sowie entsprechender Karrieremodelle aktuell ebenso gefordert wie die Unternehmen in der konkreten Umsetzung entsprechender Maßnahmen. Langfristig zufriedenstellende Lösungen für alle Seiten setzen dabei die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Bedürfnissen – über die rein wirtschaftlichen Anforderungen – voraus: Nur so kann es gelingen, zu wirtschaftlich praktikabler Familien-, Kinder- & Frauenfreundlichkeit im beruflichen Alltag in Unternehmen zu kommen!

 

Die Verfasserin, ao. Univ-Prof. Dr. Katharina Auer-Srnka, beschäftigt sich wissenschaftlich mit dem Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

 

Weiterführende Informationen
1 Interdisziplinäre Fachtagung „Familienfreundliche Betriebe: Anspruch und Wirklichkeit“ an der Universität Salzburg, WissensNetzwerk RechtWirtschaftArbeitswelt.