Verreisen in der Elternkarenz

Am falschen Dampfer…?

Die österreichische Regierung hat in den vergangenen Jahren – finanziert durch die Beiträge der österreichischen Steuerzahler – die Möglichkeit geschaffen, familiäre Sorgepflichten gerechter als bisher zwischen beiden Elternteilen aufzuteilen. Im Hinblick darauf besteht im Rahmen der geteilten Karenz auch die Möglichkeit einer einmonatigen gemeinsamen Karenzzeit für beide Elternteile.[1; 2]

In sozialen wie auch traditionellen Print-Medien mehren sich begeisterte Berichte von bzw. über Eltern, die in dieser ersten gemeinsamen Zeit des Vertraut-werdens mit ihrem Säugling bzw. Kleinstkind und der (Neu-)organisation der vielen neuen elterlichen Pflichten hinsichtlich Haushalt und Kindersorge in exotische, aufregende neue Teile der Welt reisen.[3]

Die große Bedeutung gemeinsam verbrachter, erfüllend und gut erlebter Zeit als Familie kann als eine wunderbare Entwicklung unter jungen Eltern gesehen werden. Auch der Wunsch, Kinder offen und neugierig auf die Welt zu machen, kann als begrüßenswert beurteilt werden. Allerdings scheinen die reisefreudigen Jungeltern noch wenig den Blick dafür geschärft zu haben, dass für ihren Nachwuchs in den ersten Lebensmonaten und -jahren andere Bedürfnisse im Vordergrund stehen, die typischerweise mit längerfristiger Mobilität und Fernreisen in Widerspruch stehen. Zudem bleibt im Laufe der kindlichen Entwicklung im Regelfall ausreichend Zeit, die oben angesprochenen Ziele zu erreichen – ob daheim oder auf (Auslands-)Reisen.[4]

Im Hinblick auf die oben dargestellte Entwicklung hin zu Familienurlauben in der Karenzzeit ist klar festzuhalten: Mit einem aufregenden gemeinsamen Auslandsaufenthalt im ersten Monat, in dem Jungväter gemeinsam mit den Müttern geeignete Abläufe bzw. Routinen sowie entsprechende Formen des Pflegebeitrags ihrer Kinder und der Haushaltsführung entwickeln sollten, wird der Zweck dieser Regelung nicht erfüllt! Ein überlappender, gemeinsamer Karenzmonat sollte im Sinne der familienpolitischen Regelung allerdings – neben dem intensiven Familienerleben – dem Kennenlernen des Alltags mit Kind(ern) sowie der Abstimmung und fairen Verteilung häuslicher Aufgaben in den Bereichen Pflege- & Sorgearbeit und Haushalt dienen.

Der zugrundeliegende Gedanke der Regelung einer geteilten Elternkarenz ist es, dass beide Elternteile den Alltag mit ihrem Nachwuchs erleben können – eine Grundlage für (a) die Entwicklung einer intensiven Beziehung zu ihren Kindern, die Zeit und Zuwendung erfordert, sowie (b) die Stabilisierung und Weiterentwicklung der Partnerschaft. Darüber hinaus kann so längerfristig die (c) Basis für eine ausgewogene Gestaltung von Familienleben und Berufstätigkeit beider Elternteile geschaffen werden.[5]

Fair verteilte, gut organisierte Pflege-, Erziehungs- und Haushaltsaufgaben stellen langfristig die beste Basis für ein funktionierendes Familienleben, gute innerfamiliäre Beziehungen und Vereinbarkeit von Familie und Beruf dar. Wer meint, ein einmonatiger, aufregender Urlaub mit dem Nachwuchs sei hierzu geeignet, ist hier vermutlich ganz schwer am falschen Dampfer unterwegs!

Nachsatz: Aspekte wie eine potenziell missbräuchliche Nutzung steuerlich finanzierter Unterstützungsmaßnahmen für Familien oder die sehr wesentliche Frage, ob ein derart gestalteter „Elternurlaub on tour“ den zentralen Bedürfnissen der Kinder entspricht, sollen an dieser Stelle nicht weiter thematisiert werden …

 

Zum Nach- & Weiterlesen:

[1] siehe Website des Sozialministeriums zu „Elternkarenz und Elternteilzeit“

[2] siehe Webseite der Arbeiterkammer zu „Beruf & Familie: Teilung der Karenz“

[3] Winroither, Eva (2018): Babykarenz? Ab ins Ausland! in: Die Presse | Presse am Sonntag, 29. Juli, S. 36, online abrufbar unter: https://diepresse.com/home/leben/mode/5471723/Babykarenz-Ab-ins-Ausland

[4] Dass Kinder, die dem Säuglings- bzw. Kleinstkindalter entwachsen sind, durchaus (und vermutlich deutlich mehr) von Familienreisen profitieren und dass die Eltern-Kind-Bindung durch gemeinsame  Reisen im Schulalter in hohem Maße gestärkt werden kann, aber auch, dass es gar nicht allzu exotisch sein muss, um zu einem Familienerlebnis zu werden, zeigen vereinzelt andere Medienbeiträge, wie bspw.: Cziharz, Catherine (2018): Mit dem Kind durch die Berge des Balkans, in: Die Presse | Samstag/Sontag, 11./12. August, S. R1., online abrufbar unter: https://diepresse.com/home/leben/reise/5478441/Montenegro_Mit-dem-Kind-durch-die-Berge-des-Balkans

[5] siehe Website des Bundeskanzleramts | Staatssekretariat für Frauen, Familien und Jugend zu „Familie: finanzielle Unterstützungen“

 

Die Verfasserin, ao. Univ-Prof. Dr. Katharina J. Auer-Srnka, beschäftigt sich wissenschaftlich mit dem Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie.