Väterkarenz

Aktive Väter

Mehr aktive Beteiligung von Vätern in der Betreuung, Versorgung & Erziehung der Kinder sowie dem gesamten Spektrum der im familiären Haushalt anfallenden Arbeiten scheint eine gesellschaftlich zunehmend selbstverständliche Forderung. Das Ausmaß der Inanspruchnahme von Väterkarenz gilt als Indikator dafür, inwieweit diese Forderung in einzelnen Ländern umgesetzt wird. Dass berufstätige Männer – insbesondere in hochqualifizierten Berufen – in Karenz gehen bzw. ihre Arbeit ganz oder teilweise aufgeben und sich unbezahlter Familien- und Haushaltsarbeit widmen, ist im europäischen Raum allerdings die Ausnahme. Nur rund 2% aller Väter zwischen 20 und 49 Jahren geben derzeit in den EU-27 Staaten im Rahmen von Elternkarenz ihre Arbeit für mindestens einen Monat auf, um sich um ihr jüngstes Kind zu kümmern. Dem stehen 40% der Mütter entgegen, die nach einer Geburt über den gesetzlich vorgesehenen Mutterschutz hinaus in Karenz gehen.[1]

Väterkarenz als Motor für mehr Gleichberechtigung

Positive Anreize für Väter, sich in gerechterem Maße an der Elternarbeit zu beteiligen, werden von politischer Seite als sinnvoll & notwendig angesehen, um den existierenden Gender gap im Hinblick auf Einkommen, berufliche Entwicklung und Karrierechancen zu schließen.[3] Ein „Papa-Monat“ nach der Geburt, Bonus-Monate bei der Aufteilung der Karenzzeit zwischen beiden Elternteilen (bisher im Ausmaß von 12+2, 20+4 oder 30+6 Monaten) sowie ein einkommensabhängiges Karenzgeld bzw. das in Österreich mit 1. März 2017 neu eingeführte Kindergeld-Konto samt Partnerschaftsbonus bieten unterschiedliche Möglichkeiten für mehr Väterbeteiligung. Insbesondere die von einer Aufteilung der Karenzzeit abhängige Verlängerungsmöglichkeit  (nicht übertragbare Väterquote) von aktuell 20% soll Vätern „die Entscheidung für eine Babypause“ erleichtern. „Von diesen Regelungen werden positive Impulse auf das Erwerbsleben der Frauen und eine partnerschaftliche Betreuung des Kleinkindes erwartet.“[3]

In Österreich nimmt etwa ein Fünftel der Väter die Möglichkeit des Kinderbetreuungsgeldbezugs in Anspruch – ein Drittel davon hatte vor Bezug des Kinderbetreuungsgelds einen freien Dienstvertrag, war geringfügig beschäftigt oder arbeitslos gemeldet. Männliche Bezieher von Kinderbetreuungsgeld gehören zwar den verschiedenen Bildungs- und Einkommensgruppen an; mit steigender Bildung und Höhe des Einkommens jedoch nimmt der Anteil der Väter, die Elternkarenz in Anspruch nehmen, ab. Das durchschnittliche Jahreseinkommen der Väter vor der Karenz lag unter EUR 28.000,–. Der Anteil der Akademiker ist unter den Vätern, die Kinderbetreuungsgeld beziehen, am niedrigsten.[4]

Was bringt die Väterkarenz?

Sind die politisch gewünschten Effekte, also stärkere väterliche Beteiligung in Haushalts-, Kindersorge- & Familienarbeit und damit verbundene positive familiäre und partnerschaftliche Effekte erkennbar? Ergebnissen des Sozialministeriums zufolge hat Väterkarenz keinen Einfluss auf den weiteren Verlauf der männlichen Erwerbsbiografie.[4] Dies freilich lässt die den Rückschluss zu, dass langfristig keine Veränderung des Arbeitsverhaltens auf Seite der Väter gegeben ist. Denn:  Mütter leisten Zeitverwendungsstudien zufolge nach ihrer Rückkehr aus der Karenzzeit einen deutlich höheren Anteil der Kindersorge sowie Haushalts- und Familienarbeit leisten als vor der Geburt des ersten Kindes.[5] Damit einher geht zumindest eine Reduktion der Arbeitszeit, vielfach auch die Entscheidung wieder für längere Zeit aus dem Erwerbsleben auszuscheiden (etwa nach der Geburt eines weiteren Kindes oder zum Schuleintritt eines Kindes).

Aber auch schon während der Väterkarenz entspricht die Aufteilung der verschiedenen Aufgaben und Tätigkeiten überwiegend nicht den gängigen Idealvorstellung. Manche Tätigkeiten sind offenbar „typisch weiblich“  und werden, unabhängig von der Familienkonstellation, in der überwiegenden Anzahl der Haushalte von Frauen erledigt.[5] Während sich Haushaltsarbeiten (wie Wäsche waschen & Bügeln) bei ausreichenden finanziellen Ressourcen gut auslagern lassen, ist dies bei der Sorgearbeit (Kinderarzt-Termine ausmachen und wahrnehmen, Kindergarten- & Freizeitaktivitäten sowie damit verbundene Transporte koordinieren, Schuleinschreibung vornehmen, Kindergeburtstage veranstalten oder Geschenke besorgen etc., gemeinsame Traditionen & Rituale pflegen) in deutlich geringerem Maße möglich. Vielfach werden diese – offenbar als überwiegend weiblich konotierten – Aufgaben von Frauen, deren Partner in Väterkarenz sind, zusätzlich zur beruflichen Tätigkeit übernommen. Insgesamt zeigen Untersuchungen, dass Männer in Karenz deutlich stärker von ihrer Partnerin bei der anfallenden Arbeit unterstützt werden als umgekehrt.[6] Die Soziologin Arlie Hochschild nennt dies in ihrer Analyse bezeichnend als die „zweite Schicht“ berufstätiger Frauen.[7]

Ein erster wichtiger Schritt …

…  in Richtung aktive Vaterschaft & damit verbunden mehr Lebensqualität  für alle Beteiligten – Väter, Mütter & Kind(er) – ist Väterkarenz ohne Frage. Denn:

  • Väterkarenz erlaubt Vätern, den Alltag zu Hause mit ihren Kindern zu erleben und dadurch die Beziehung zu Kind(ern) & Partnerin in vielfältigen Situationen (weiter) zu entwickeln. Dies bietet die Grundlage für stärkere Vater-Kind-Bindung, eine tiefere, vielfältigere Beziehung von Vätern zu ihren Kindern sowie die Festigung der Partnerschaft.
  • Der Aufenthalt bei den Kindern zu Hause vermittelt Männern umfassende Einblicke und tieferes Verständnis für Anforderungen der Haushalts-, Kindersorge- und Familienarbeit sowie die besondere Situation des Abgeschieden-seins vom Berufsleben und die oft erlebte Isolation und mangelnde Anerkennung unbezahlter Arbeit. Diese Erfahrungen können wesentlich beitragen zu besserer partnerschaftlicher Kommunikation, mehr gegenseitigem Entgegenkommen & Respekt vor der Leistung des jeweils anderen.
  • Auch wenn derzeit die Hauptverantwortung für Haushalt, Kindersorge und Familienarbeit in einer Vielzahl der Fälle auch während der Väterkarenz bei der Mutter bleibt, profitieren Frauen von der zumindest für diese Zeitphase vorgenommenen Neuaufteilung der häuslichen Aufgaben sowie den damit verbundenen Aushandlungsprozesses. Zudem ermöglicht Väterkarenz – v.a. wenn diese gegen Ende der gesamten Karenzzeit genommen wird – Müttern auszuloten, inwieweit die Neustrukturierung der verschiedenen haushalts-, familien- und kinderbezogenen Tätigkeiten für sie eine positive Erfahrung darstellt und welchen Stellenwert die berufliche (Wieder-)Betätigung für sie vor dem Hintergrund des veränderten Erfahrungshorizonts zum gegebenen Zeitpunkt einnimmt. Nicht selten sehen Frauen sich durch die Erfahrungen während der Zeit der Väterkarenz mit Fragen zu Ihrer Mutterrolle & ihrer Identität konfrontiert, die es für sie dann zu klären gilt.

Fazit: Aktive Vaterschaft ist mehr!

Väterkarenz ist ein Gewinn für Eltern wie Kinder – aber: eine gleichberechtigte Aufteilung zwischen den Partnern ist damit alleine noch lange nicht erreicht! Aktive Vaterschaft umfasst zudem deutlich mehr als Baby-Pause, Papa-Monat & Karenzbeteiligung:  Sie setzt die laufende Beteiligung im Alltag mit Kindern über die Jahre des Heranwachsens hinweg voraus! Wenn Väter sich laufend aktiv in Kinderpflege, -sorge & -erziehung sowie in Familien- & Haushaltsarbeit einbringen, so kostet dies viel Zeit & Energie, die nicht ins berufliche Fortkommen investiert werden können. Damit sind langfristig zwangsläufig nachhaltige Auswirkungen auf die Berufsbiografie zu erwarten. Dies ist freilich nicht per se negativ zu bewerten. Denn: Ein Abgehen vom linearen Karrieremodell für Männer wie auch Frauen verbunden mit mehr gesellschaftliche Anerkennung & Wertschätzung aktiver Elternschaft eröffnen vielfältige Optionen für bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie über den Familien-Lebenszyklus hinweg .

 

Was sagen Sie dazu? Wir freuen uns darauf, Ihre Meinung zu lesen!

 

Die Verfasserin, ao. Univ-Prof. Dr. Katharina Auer-Srnka, beschäftigt sich wissenschaftlich mit dem Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

 

Zum Nach- und Weiterlesen

[1] Miani, C. / Hoorens, St. (2014): Parents at work: men and women participating in the labour foce. Short Statistical Report No. 2, European Commission/EU, online abrufbar unter: http://ec.europa.eu/justice/gender-equality/files/documents/140502_gender_equality_workforce_ssr2_en.pdf

[2] Österreichisches Bundesministerium für Familien und Jugend: Kinderbetreuungsgeld, online abrufbar unter: https://www.bmfj.gv.at/familie/finanzielle-unterstuetzungen/kinderbetreuungsgeld-ab-1.3.2017/kinderbetreuungsgeld.html

[3] Maurerer, G. (2017): Aktive Vaterschaft – ein Generationengewinn. Gesellschaftlicher Wandel in Österreich. beziehungsweise, Österreichisches Institut für Familienforschung, Universität Wien, Juni, S. 6-7, online abrufbar unter: http://www.oif.ac.at/service/zeitschrift_beziehungsweise/detail/?tx_ttnews%5Btt_news%5D=2820&cHash=c5b30867f2196ea27a0c50b645e6c27c

[4] Österreichisches Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz (2014): Väter in Elternkarenz. Die Folgen des Bezugs von Kinderbetreuungsgeld für den Erwerbsverlauf von Männern, online abrufbar unter: https://broschuerenservice.sozialministerium.at/Home/Download?publicationId=268

[5] Buchebner-Ferstl, S./Rille-Pfeiffer, Ch. (2008): Hausarbeit in Partnerschaften. Studie „The glass partitioning wall“ zur innerfamilialen Arbeitsteilung – Ergebnisse für Österreich. Österreichisches Institut für Familienforschung, Working Paper 69; online abrufbar unter: http://www.ssoar.info/ssoar/handle/document/36666

[6] Maurerer, G. (2016): Alltagshandeln  und  Männlichkeitsentwürfe  von  Vätern in  Elternkarenz  – Postpatriarchale Betrachtungen? Ergebnisse  aus  zwei  qualitativen  soziologischen  Analysen  in  feministischer Reflexion, online abrufbar unter: https://www.vfw.or.at/wp-content/uploads/2016/03/Mauerer_V%C3%A4terkarenz-und-feministische-Diskussion_2016.pdf

[7] Hochschild, A. / Machung, A. (2012): The Second Shift. Working Families and the Revolution at home. Penguin Books/Pearson, London.